Kultur : Musikhauptstadt Berlin: Komm, Pop!

Björn Döring

Berlin wird Musikhauptstadt. Das hat zumindest Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) auf die Fahnen seiner Industrie-Ansiedlungspolitik geschrieben, mit der er im Bereich der Popkultur längst mehr Impulse zu setzen weiß als Kultursenator Christoph Stölzl. Während dieser zur finanziellen Mangelverwaltung gezwungen ist und gerade im Umgang mit Popkultur bemerkenswerte Konzeptlosigkeit vermittelt, gefällt sich Branoner in der Rolle des hippen Jugend-Senators. Er will nicht nur die Love Parade retten, sondern das Image der Stadt insgesamt deutlich verjüngen. Im Zuge dieser Bemühungen konnte er in der vergangenen Woche seinen bisher größten Coup präsentieren: Universal Music Deutschland wird zum 1. Juli 2002, spätestens jedoch nach dem Weihnachtsgeschäft 2002 seinen Firmensitz von Hamburg nach Berlin verlegen und angeblich auch den größten Teil seiner rund 500 Mitarbeiter mit in die Hauptstadt nehmen.

Sollte der Wechsel wie angekündigt vollzogen werden, hätte sich der Schwerpunkt des Musikgeschäfts mit einem Marktanteil von Zweidrittel binnen weniger Jahre nach Berlin verlagert. In eine Stadt, die bislang vor allem als Elektro-Underground ein gewisses internationales Renommee besitzt. Deshalb ist der Wechsel nicht unumstritten. Die Universal-Mitarbeiter drückten ihr Missfallen bei der Präsentation der neuen Pläne durch den Konzernchef Tim Renner durch Pfiffe und Buh-Rufe aus. Doch scheint das Renner ebenso wenig zu berühren wie die heftigen Proteste von Seiten des Hamburger Senats. "Wenn der Hamburger Bürgermeister erwägt, rechtliche Schritte gegen diesen Umzug einzulegen, dann soll er das ruhig mal machen", sagt Branoners Sprecher, Claus Guggenberger. Insbesondere der Wirtschaftssenator der Hamburger Bürgerschaft, Thomas Mirow, hatte Branoner Investitionszuschüsse in Höhe von bis zu 40 Millionen Mark vorgehalten, die dieser Universal aus Mitteln der EU als Ansiedlungsanreiz in Aussicht gestellt haben soll. "Diese Zahlen sind völlig überzogen", beschwichtigt Guggenberger, räumt aber ein: "Wir haben eine Summe von weit unter 20 Millionen Mark angeboten und sind damit im Rahmen eines fairen Wettbewerbs geblieben. Erst recht ist niemand geschmiert worden."

Die harschen Töne stellen die junge Medienpartnerschaft zwischen Berlin und Hamburg auf eine ernste Probe. Doch der Kampf um Universal ist verständlich. Denn der Major ist seit der Fusion des nordamerikanischen Seagram-Konzerns mit der europäischen Polygram-Gruppe 1998 nicht nur die weltweit größte Plattenfirma, sondern auch Marktführer in den USA und Deutschland, dem größten und dem drittgrößten Markt für Tonträger weltweit. Im Jahr 2000 hat Universal Music weltweit 6,6 Milliarden Euro umgesetzt , davon in Deutschland allein 1,3 Milliarden. Mit 26 Prozent des Gesamtumsatzes ist Universal Deutschland auch in der ersten Quartalsauswertung des Jahres 2001 nach Angaben der deutschen Phonoindustrie unangefochten in seiner Marktführerschaft bei den Verkäufen von Singles und Alben.

Noch vor vier Jahren war eine Firmenansiedlung in Berlin gleichbedeutend mit einer Auswanderung an den äußeren Rand des globalen Gefüges der Pop-Industrie. "In Berlin hat man den Vorteil, dass man Fehler machen kann, ohne schon am gleichen Abend zum Branchengespött zu werden, wie das in Hamburg der Fall ist, wo sich Künstler, Leute von Plattenfirmen und Journalisten permanent über den Weg laufen", erklärte Patrick Orth 1997 als Geschäftsführer der neu gegründeten Plattenfirma V2 Records. Seine Entscheidung, die deutsche Dependence der weltweit agierenden Plattenfirma von Richard Branson in Berlin anzusiedeln, stieß in der Branche auf Unverständnis.

Was damals einer Notlösung glich, könnte Orth heute wunderbar als Vision verkaufen, hätte er nicht Berlin - und die Firma - längst wieder verlassen. Der Sog indessen ist seither deutlich spürbar: Weitere wichtige Firmen kamen, darunter die Plattenlabels Def Jam Germany (Hiphop), Mute (u. a. Nick Cave, Depeche Mode), die Konzertagentur Four Artists, die Medieproduktionsfirma Me, Myself & Eye, und zuletzt rief hier Virgin Records mit Labels Germany eine neue Kreativabteilung zur Entwicklung von Künstlerpotenzial ins Leben.

Nichts geschieht mehr in provinzieller Abgeschiedenheit, von der Patrick Orth noch profitierte, alles steht sofort im Fokus des Brancheninteresses. So zum Beispiel der Umzug von Sony Music aus Frankfurt in die neue Konzernzentrale am Potsdamer Platz, der sogar nach einer firmeninternen Einschätzung alles andere als glücklich verlaufen ist. Man habe Federn lassen müssen, hatte Sony-Präsident Jochen Leuschner gegenüber der Branchen-Zeitschrift "Musikwoche" zugegeben und auch keinen Hehl daraus gemacht, dass man noch Schwierigkeiten hätte, geeignetes Personal zu rekrutieren. Und was weder er noch Willy Ehrmann, der neue Geschäftsführer von V2 Records, öffentlich erwähnen, ist die Tatsache, dass man sich bisher enorm schwer damit tut, von der vermeintlich so blühenden Szene auch künstlerisch und damit finanziell zu profitieren.

Die künstlerisch interessantesten Neuentdeckungen präsentieren eher kleine Labels wie Kitty-Yo, City Slang, Bungalow oder Tresor Records, die seit vielen Jahren eng an vitale Szenen angeschlossen sind. Sie haben sich ihre Position ohne die geringste Form von staatlicher Unterstützung erarbeitet.

Einer, der in diesem Sektor seit Jahren zu den kommerziell erfolgreichsten Akteuren gehört, ist André Selleneit, der Chef der Bertelsmann-Tochter BMG Berlin. Auch er spürt nun einen erheblichen Konkurrenzdruck, der sich vor allem in wöchentlich steigenden Gehaltsforderungen seiner Angestellten äußere. Ständig werde ihm Personal abgeworben. Neid aber auf das großzügige Geldgeschenk an Universal empfindet er nicht. "Ich finde es viel bemerkenswerter, dass durch einen Mann wie Herrn Branoner endlich einmal Bewegung in das Geschäft kommt."

Selleneit drückt aus, was viele Musikmanager erhoffen: Man will die Nähe zur Politik für Lobbyarbeit nutzen, die insbesondere im Bereich der europäischen Gesetzgebung für den Urheberrechtsschutz von höchster Bedeutung ist. Denn durch Raubkopien, Tauschbörsen im Internet und andere illegale Formen der Verbreitung von Musik büßt die Branche jährlich allein in Deutschland über 750 Millionen Mark ihres möglichen Umsatzes ein. In einer Zeit, da sie schon im dritten Jahr nacheinander rückläufige Absatz-Zahlen hinnehmen muss, sind die "geraubten" Gewinne so etwas wie die eiserne Reserve, der Sparstrumpf der Plattenindustrie, den man nun endlich knacken will.

Man darf gespannt sein, welche Pläne Wirtschaftssenator Branoner noch ausheckt. In der Szene geht bereits das Gerücht um, dass ein Umzug der weltgrößten Musikmesse Popkomm nach Berlin ebenfalls nur noch eine Frage der Zeit ist.

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