Musikindustrie : Im Geist des Ferienlagers

Popkomm? Krise? Die Konferenz "All2gethernow" entwirft Perspektiven für die Musikindustrie.

Kolja Reichert

Die Absage der diesjährigen Popkomm war die beste Idee, die Dieter Gorny seit langem hatte. Der deutsche Wortführer der Majorlabels hatte sich mit seinen Forderungen, Nutzer von Musiktauschbörsen aus dem Internet zu verbannen, ins Aus manövriert. So machte er den Platz frei für jene, die für die Krise der Popmusik Lösungen suchen, jenseits billiger Schuldzuweisungen und teurer Prozesskosten. Prompt formierte sich die Berliner Musik- und Netzkulturszene, um schnell einen Ersatz aus dem Boden zu stampfen. Die Konferenz „All2gethernow“ versammelte nun für drei Tage Experten, Labelbetreiber, Künstler, Aktivisten und Interessierte.

Der Name mag blöd klingen, nach New Economy-Boom. Aber er erwies sich als starke Formel für die neuen Verhältnisse. Indie oder Mainstream: Wenn alle in leere Kassen blicken, zählt nur noch, was funktioniert. Produktion und Konsum von Musik haben sich durch die Digitalisierung so grundlegend verändert, dass sich Alben zu einem Viertel der früheren Kosten produzieren lassen, wie Mitinitiator und Labelmacher Tim Renner noch mal vorrechnete. Downloads versprechen höhere Gewinnmargen für Labels und Künstler. Nur lässt sich die Verbreitung nicht mehr kontrollieren. Was der Musik widerfahren ist, erleben inzwischen auch Film und Literatur. Wenn alles umsonst gezogen wird – wovon soll dann der Künstler leben?

2009 könnte das Jahr des Umdenkens sein. Anfang des Jahres herrschte noch Katzenjammer. Nun trafen sich fast 50 Arbeitsgruppen gutgelaunt in den Räumen der ehemaligen Münzfabrik am Molkenmarkt, sprachen über Selbstvermarktungsstrategien, neue Empfehlungskulturen und Musikgenuss jenseits von Besitz. Von Werten war die Rede und von Nachhaltigkeit. Man brachte sich gegenseitig auf den neuesten Stand, und vor allem schöpfte man Energie.

„Barcamp“ nennt sich diese Form der Selbstorganisation, die nach dem Vorbild von Online-Netzwerken Wissen unhierarchisch in Fluss bringt. Der Senat hat im letzten Moment Geld zugeschossen und will 2010 nach Vorbild der Fashion Week Konzerte, Barcamp und die Popkomm (unter der neuen Leitung von Daniel Barkowski) zusammenführen. Sängerin Amanda Palmer, die mit erfolgreicher Selbstvermarktung via Blogs und Twitter den optimistischen Umgang mit den neuen Freiheiten verkörpert, kam vorbei, plauderte aus ihrem Twitter-Kästchen und begeisterte mit einer Gratisshow am E-Piano (inklusive „Eisbär“ von Grauzone). Danach kreiste die Spendenbox.

Die Grenzen zwischen Unternehmer, Künstler und Blogger, zwischen Information, Diskussion und Werbung verschwimmen. Auf einmal gibt es keine Bösen mehr. „All2gethernow“, ist das die Erneuerung des Musikgeschäfts aus dem Geist des Ferienlagers?

Der Gema-Justiziar und der Anti-GemaAktivist. Ein linksradikaler Künstler und ein MTV-Marktforscher. Es kam zusammen, was sich sonst eher nicht paart.Wolfgang Bergmann vom ZDF-Theaterkanal skizzierte einen neuen Kultursender, der die „Verspartung“ überwinden könnte; ein junger Programmierer versprach künstlerische Interventionen auf den „Berlin Music Hack Days“ (Präsentation heute um 14 Uhr im Radialsystem). Blogger und Labelvertreter sind sich einig: Der bisherige Dissens war vor allem schlechter Kommunikation geschuldet. Ausbleibende Verkäufe schädigen nun mal weniger die Majors als die Indies. Senatskanzlei-Chefin Barbara Kisseler unterstrich die Bedeutung der Kreativwirtschaft und empfiehlt den Kulturschaffenden den Stolz und die Chuzpe der Banker. „Ich glaube nicht, dass ich so klug bin wie 90 Prozent von Ihnen“, erklärte sie galant.

Die Ergebnisse der Konferenz wurden am Freitag erfrischend chaotisch im Radialsystem präsentiert. Tim Renner empfiehlt den großen Plattenfirmen, endlich zu begreifen, dass Künstler keine Dienstleister sind. Netzdenker Georg Leonhard verkündet, dass Musik bald aus der Leitung kommt wie Wasser (David Bowie ahnte das schon vor zehn Jahren) – keiner widerspricht ihm. Die Öffnung aller Archive gegen Pauschalvergütung scheint die einzige Grundlage für zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu sein. Das schwedische Internetradio Spotify spielt den Labels inzwischen mehr Geld ein als iTunes. Allerdings nicht den Betreibern selbst. Nur wenn die Lizenzen günstiger werden, geht es weiter – zum Wohle aller.

Für drei Tage wurden die alten Fronten vergessen. Vergangenheit sind sie deshalb nicht. Urheber haben andere Interessen als Verwerter, Konsumenten andere als Konzerne. Und Politiker oft wenig Ahnung. „Es stimmt nicht, dass die Piratenpartei keine Ahnung von Kultur hat“, beteuerte deren Sprecher. „Das war vielleicht noch im Mai, Juni der Fall.“ Großes Gelächter.

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