Kultur : Musikproduzenten entdecken Berlin: "Es fehlte der Mut" - Teil II: der Anfänger

Elke Auer

"Alles voller Störgeräusche", meint Thomas Morr. "Meine Wohnung passt zur Zeit ganz gut zu meiner Musik." Und fügt ein gequältes Lächeln hinzu. Vor dem Küchenfenster schabt und hämmert ein Bauarbeiter an der Hausfassade. Das Telefon klingelt fast pausenlos. Im hinteren Zimmer, seinem Musikzimmer, streichen Maler die Wände neu - "Wasserschaden wegen der Sanierungsarbeiten. Die ganze Plattensammlung ist mir davongeschwommen." Mehr als 3000 Schallplatten türmen sich jetzt in Thomas Morrs Büroraum. Zwischen den Vinylstapeln, CD-Kisten und Elektroanlagen sitzt der 30-Jährige am Computer und organisiert seine Firma: "morr music", ein kleines Plattenlabel für elektronische Popmusik.

Im Juni vergangenen Jahres hat der leidenschaftliche Musiksammler die Firma in seiner Mietwohnung in der Prenzlauer Allee gegründet. Die erste Platte, "Pop Loops for Breakfast" von dem bis dahin unveröffentlichten Wiener Bernhard Fleischmann, fand sofort Anklang bei Elektromusik-Fans. Seitdem sind elf weitere Werke erschienen, sowohl auf CD als auch auf Vinyl: harmonisch fließende, elektronische Klänge. Lounge-Musik. Die überweigende Anzahl der Songs entstand am Computer aus einem Amalgam verschiedener Synthesizer- und Samplergeräusche, aber auch live eingespielte Instrumentalstücke finden sich darunter. Gesang ist bislang nur auf der Platte der Münchener Band Lali Puna zu hören. Die Auflage von anfangs 500 hat sich innerhalb des ersten Jahres auf mehr als 3000 gesteigert. "Schon ab 500 verkauften Platten rechnet es sich", sagt Thomas Morr und wundert sich selbst ein bißchen über den Erfolg. In Magazinen wie "Spex" und "de:bug" wird die Musik seines Labels lobend besprochen, und die Platten landen auch schon mal auf Hitlisten der englischen Musikzeitschrift "The Wire". Sie werden zwar nur in Insider-Läden verkauft, dafür aber in England, den USA und Japan.

Schon als Schuljunge habe er, zusammen mit dem besten Freund, von einem eigenen Plattenlabel geträumt, sagt Morr. "Aber es fehlte immer der Mut." Er hat Platten gesammelt, in Clubs aufgelegt, Konzerte veranstaltet, in Plattenläden und bei einem Versand gearbeitet. Der Label-Traum wurde greifbar, als er vor zwei Jahren für eine Münchener Musikfirma zu arbeiten begann, die gleichzeitig Independent-Musik vertreibt. "Ich habe die Szene zwangsläufig genauer verfolgt, um neue Projekte zu entdecken. Darüber habe ich Kontakt zu vielen Künstlern bekommen, deren Musik mir gut gefiel - die Zeit für morr music war reif."

Den alten Freund aus Schulzeiten hat er indessen nicht vergessen. Der Grafik-Designer wurde mit den Cover-Entwürfen beauftragt. Die Gestaltung jedes Produkts sollte eine "corporate identity" schaffen - eine gute Idee: Das ausgefallene Konzept der morr music-Serie wurde prompt für einen Kunstdesign-Preis nominiert.

Dass die Lounge-Musik, die er herausbringt, zur Zeit ziemlich angesagt ist, scheint Thomas Morr fast ein wenig zu stören. Als Independent-Label legt er Wert darauf, sich vom Mainstream zu distanzieren. "Natürlich ist es Glück für mich, dass die Musik sich ganz gut verkauft." Er weiß trotzdem nicht, ob er sich darüber freuen soll. "Es ist mir auch egal. Mir geht es nicht darum, eine Marktlücke zu füllen, sondern um die Arbeit von Künstlern, die ich schätze." Gerade hat er die zwölfte Platte herausgegeben, eine Zusammenstellung "melancholischer und melodiöser Herbstmusik", wie er auch gern die Stilrichtung seines ganzen Labels bezeichnet. Darauf versammelt er bekanntere Bands wie Isan aus England oder The Notwist aus München, von der teilweise die Filmmusik für "Absolute Giganten" stammt. Aber auch unbekannte, bislang unveröffentlichte Künstler erscheinen bei ihm. Werden sie dann von größeren Plattenfirmen übernommen, fühlt er sich bestätigt. "Ich verstehe mich als Artist-Label, ich möchte die Künstler bekannt machen." Vorbild dafür ist die englische Plattenfirma Warp - "wohl das beste Label für elektronische Musik, das es auf der Welt gibt."

Das Telefon klingelt, ein Radio-Sender will ein Interview. "Oh nein, nicht schon wieder." Lieber würde Thomas Morr in Ruhe an seinen Projekten arbeiten. Sieben Platten sind für dieses Jahr noch geplant. Mindestens eine Platte pro Monat hat er sich als langfristiges Ziel gesteckt. "Aber zur Zeit herrscht hier Chaos. Ständig ruft jemand an - mal die Medien, mal der Vermieter , mal kleine Bands, die sich vorstellen wollen. Die rufen auch ganz gern nachts um zwölf hier an." Noch kann er sich nicht selbst aussuchen, wer stören darf. Der Maler steckt den Kopf zur Tür herein: "Fertig. In zwei Tagen können Sie die Platten neu einräumen." Thomas Morr lächelt, leicht gequält.

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