Kultur : Musiktheater: Ich will, dass da eine vierte Oper steht

Frederik Hanssen

Der erste Gedanke: Jetzt sind sie vollkommen übergeschnappt! Der zweite: Wenn eine verrückte Idee Chancen auf Realisierung hat, dann diese. Seit ihrer Gründung 1997 wirbt die "Zeitgenössische Oper Berlin" dafür, dass in der Hauptstadt ein viertes Musiktheater gebaut wird - nur für Kompositionen, die ab 1945 entstanden sind.

Nachdem sie mit einigen selbst finanzierten Produktionen erfolgreich ihren Kunstanspruch und ihr Durchhaltevermögen bewiesen haben, ist es der Truppe um Andreas Rocholl nun tatsächlich gelungen, das Architektentrio Gewers, Kühn & Kühn als Partner für ihr Opern-Traumhaus zu gewinnen. Zusammen mit dem äußerst erfolgreichen jungen Büro, das die Neugestaltung des Berliner Ostbahnhofs, die Sophie Gips Höfe oder den spacigen Bertelsmann-Doughnut auf der Expo realisierte, haben die Macher der "Zeitgenössischen Oper" ein Projekt entwickelt, das auf dem Artforum erstmals öffentlich präsentiert wurde - und vor allem durch eines besticht: Über Geld wird nicht gesprochen. Endlich denken kreative Köpfe mal wieder darüber nach, was ihnen wichtig ist, anstatt daran zu verzweifeln, dass sich unter den finanziellen Gegebenheiten ehrgeizige Pläne ohnehin nicht realisieren lassen.

Rocholl und seine Mitstreiter wollen das Opernhaus des 21. Jahrhunderts, ein Gebäude, das sich chamäleonhaft jeder noch so gewagten musikalischen Idee anpassen kann und dadurch Künstler aller Gattungen zu nie dagewesenen Experimenten anregt. Seit einigen Monaten befragen sie Fachleute vom Akustiker bis zum Dirigenten nach ihren Wunschvorstellungen vom Musiktheater der Zukunft. Und ein ideales Grundstück haben sie sich auch schon ausgeguckt. Am Spreebogen, zwischen dem Lehrter Bahnhof und der Bundespressekonferenz könnte das neue Opernhaus enstehen, um dem Band des Bundes ein "Band der zeitgenössischen Kunst" entgegenzusetzen.

Dabei will die Zeitgenössische Oper keineswegs einen vierten Musentempel hinklotzen - was den Machern vorschwebt, ist ein klingendes Haus für alle, gewissermaßen der VW unter den Musiktheatern. Während der Veranstaltungssaal eine technisch höchst variable, aber optisch neutrale Blackbox für unterschiedlichste Spielformen sein soll, würde die äußere Hülle - am liebsten ganz in schimmerndem Glas - die Leute geradezu in das Gebäude hineinziehen. Jeder könnte durch das Haus flanieren, auch ohne eine Eintritskarte zu besitzen - beispielsweise durch einen Tunnel, der Neugierige auf der Eingangsebene "einsaugt", um sie dann an den diversen Einblicken ins Innere vorbei bis zu Dachterrasse hinaufzugeleiten, wo ein Blick auf das Regierungsviertel lockt. Überhaupt wäre in der Oper immer was los: Neben den abendlichen Aufführungen sollen Klanginstallationen, Ausstellungen und ein Internetcafé das futuristische Gebäude mit Leben füllen. "Was wir anstreben, ist eine emotionale Architektur", sagt Architekt Gewers. Organische Formen sollen schon von weitem deutlich machen, dass hier kein hermetischer Hochkultur-Hort für Auserwählte steht.

Am Ende allerdings hängt doch alles am Geld. Weil die Macher der "Zeitgenössischen Oper" wissen, dass Wahnsinnsideen wie diese die lokale Kulturpolitik heillos überfordern, wenden sie sich an die big player: Mit dem Kulturausschuss des Bundestages unterhält man bereits beste Beziehungen, über Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin könnten die Opern-Avantgardisten auch ins Bewusstsein des Kanzlers vordringen. Noch herrschen in Deutschland zwar keine französischen Verhältnisse, wo François Mitterrand dem Staatshaushalt einst seine ganz privaten grand projets von der Louvre-Pyramide bis zur neuen Megabibliothek abtrotzte, doch man kann sich unseren Kanzler durchaus vorstellen, wie er mit seiner Gattin morgens auf dem Balkon seines Regierungssitzes steht, ins aufgehende Sonnenlicht zum nordöstlichen Spreeufer hinüberblinzelt und sagt: "Ich will, dass da eine Oper gebaut wird."

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