Musiktheater : Knusper, knister, Tortenschmäuschen

Komische Oper Berlin: Reinhard von der Thannen inszeniert Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ als quietschbuntes Pubertätsdrama. Nur für Erwachsene!

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Ferngesteuert. Die Hexe (Ursula Hesse von den Steinen) nimmt Hänsel (Theresa Kronthaler,l.) und Gretel (Maureen McKay) an die Kandare. Foto: DAVIDS/Dominique Ecken
Ferngesteuert. Die Hexe (Ursula Hesse von den Steinen) nimmt Hänsel (Theresa Kronthaler,l.) und Gretel (Maureen McKay) an die...Foto: DAVIDS/Dominique Ecken

Schon kurz nach Beginn fällt der zentrale Satz: „Wenn die Not auf Höchste steigt, Gott der Herr die Hand euch reicht!“ Gretel sagt das zu Hänsel und hält dabei, wie ihr Bruder, einen Luftballon in der Hand. Beide lassen los, die Ballons schweben tatsächlich „aufs Höchste“ in den Schnürboden – und zerplatzen an einem Scheinwerfer. Ziemlich früh ist klar, was Reinhard von der Thannen von Engelbert Humperdincks Glaubensinnigkeit hält: Es sind Illusionen, die vergehen wie Ikarus, der sich der Sonne nähert.

Ein wenig altmodisch war die Oper, mit der sich Humperdinck in Wagner-Nachfolge seinen Platz in der Musikgeschichte sicherte, immer. Vielleicht ist das auch der Grund, warum das Stück an der Komischen Oper noch nie zu sehen war. Jetzt inszeniert es Reinhard von der Thannen, der seit vielen Jahren für Hans Neuenfels Bühne und Kostüme entwirft, in Personalunion als Regisseur und Ausstatter. Es ist erst seine zweite eigene Regiearbeit. Noch 2011 hatte er sich, gerade Kostümbildner des Jahres geworden, im Interview über die Wühltischästhetik deutscher Theater aufgeregt. Dass so einer seine Figuren nicht in Humana-Klamotten zwischen Sichtbetonwänden auf die Bühne stellt, ist klar. Sondern in Kostümen, die in ihrer Abstraktheit unbedingten Kunstwillen ausdrücken.

Zunächst denkt man, die Komische Oper wolle an ihren jüngsten Publikumserfolg, Barrie Koskys in Stummfilm-Ästhetik umgesetzte „Zauberflöte“, anknüpfen: Während der Orchestervorspiele tanzen Lollipops und Erdbeeren auf der Leinwand, später lassen sich Käsescheiben willig verquirlen, alles im Werbestil der 50er Jahre. In Wahrheit hat in dieser Oper natürlich jeder Hunger, und so bleiben die Videos Ausnahmeerscheinungen auf einer sonst recht leeren und weißen Drehbühne. Weiß, das ist für von der Thannen nicht nur die Farbe der Unschuld, sondern auch eine Grundierung, quasi die Kindheit, auf die nach und nach mehr Farben aufgetragen werden: „Hänsel und Gretel“ als Pubertätsoper, als Weg zweier Kinder nicht nur zur Hexe, sondern auch ins Leben.

Viel Liebe hat der Regisseur auf die Gestaltung dieser beiden Figuren verwendet. Theresa Kronthaler (als Hänsel) und Maureen McKay (als Gretel) bewegen sich wie zwei Streetdancer, jedes Detail wirkt durchchoreografiert. McKay dringt mit ihrem helleren Sopran (sie muss ja die Schwester singen) besser durch als die abgedunkelter singende Kronthaler, deren Hänsel offenbar als Kreuzung aus Justin Bieber und Dschungelcamp-König Joey angelegt ist. Für Auf- und Abtritte der Kinder dient ein Schrank: Tor zu einer anderen, hoffentlich besseren Welt. Gemäß von der Thannens Credo: Ich liefere Bilder, die nachgären sollen, das Publikum soll sich seine eigene Geschichte konstruieren. Doch schnell wird klar, dass er den Vater nicht mag. Er ist ja auch eine zwielichtige Figur, von ihm stammt der Spruch mit Gottes hilfsbereiter Hand, er bringt der Familie Futter, nennt seine Kinder aber „die kleinen Sünderchen“. Ist das nur liebevoll?

Bei von der Thannen mutiert er zur dreiradfahrenden Witzfigur. Dennoch ist Tom Erik Lies souverän schimmernder Bronze-Bariton ein Höhepunkt des Abends. Christiane Oertel muss als Mutter mit einer Art Airbag um den Hals herumlaufen, ein Panzer, den sie später ablegt.

Frostig aber bleibt es über weite Strecken auf der Bühne. Weiße Wände, weiße Kostüme, das schmerzt irgendwann wie Schnee in der Sonne, da hat die Inszenierung ihre Durststrecken, kindgerecht ist es auch nicht wirklich. Dazu kommt, dass Kristiina Poska im Graben nicht einheizt. Grundsolide ist ihr Dirigat, aber das ist zu wenig für dieses Stück, da braucht es feurige Konflikte. Die beiden gegenläufigen Themen der hohen und tiefen Streicher im „Abendsegen“ etwa: Derlei muss man herauspräparieren. Bei Poska verliert sich vieles, was spannend klingen könnte.

Auch Hänsel und Gretel verlieren sich – in einem Wald aus Messer, Gabeln, Löffeln. Fantastisch sieht das aus. Der Preis dafür: Im Programmheft darf sich der Sponsor und Geschäftsführer eines bayrischen Designstudios, das dieses Bühnenbild gebaut hat, in bestürzend nebulösem Marketingsprech über sein Unternehmen verbreiten. Aber das ist noch nicht der Tiefpunkt. Der ist erreicht, als sich weiße Engel zum Abendsegen ein Stelldichein geben. Vielleicht hätte man dafür besser etwas Geld in die Hand nehmen und Tänzer engagieren sollen statt Statisten. Aber wer weiß, wie viele Sponsoren dafür wieder nötig gewesen wären.

Die Erlösung naht im letzten Akt: in Gestalt der Knusperhexe. Für von der Thannen nicht nur Bedrohung. Sondern auch Verführung, Erotik, Initiation ins Erwachsenenleben. Und so macht er aus Ursula Hesse von den Steinen keine knorrige Alte, sondern eine Showmasterin im hautengen giftgrünen Glitzerkleid, die zum Mikro greift und fast lieblich haucht: „Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert mir am Häuschen?“ Das Häuschen sieht aus wie eine gigantische Torte, garniert mit Murmeln. Oder Lollipops? Eine Explosion an Assoziationen und Farbe, wie auch später bei den wunderbar homogen singenden Lebkuchenkindern (Kinderchor: Dagmar Fiebach). Nach der Befreiung durch Hänsel und Gretel streifen sie ihre Fatsuits ab, tanzen in knallbunten T-Shirts über die Bühne. Der Friedrichstadtpalast liegt gleich um die Ecke. Dann treten noch mal Vater und Mutter auf, verkleidet als – ja, Schrank. Ein Möbelstück, das bei von der Thannen bekanntlich positiv assoziiert ist. Wirkt, als würde der Regisseur am Ende sogar die Eltern mögen. Udo Badelt

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