Musiktheater : Sachsen-Anhalt liegt am Meer

Richard Wagners Oper "Der Fliegende Holländer" ist in dieser Saison sowohl in Halle, als auch in Dessau und Magdeburg in Neuproduktionen zu erleben.

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Steuermann, halt die Wacht. Szene aus der Dessauer "Holländer"-Inszenierung.
Steuermann, halt die Wacht. Szene aus der Dessauer "Holländer"-Inszenierung.Foto: Claudia Heysel

Flüchtlinge und Arbeitslose bewerfen sich mit allem, was gerade rumliegt, und die Zuschauer stehen mittendrin in der handgreiflichen Auseinandersetzung. Das soll „Der fliegende Holländer“ sein, die romantische Oper von Richard Wagner, in der es um übergroße Liebe und übernatürliche Erscheinungen geht? Am Theater Halle wird der Musiktheaterklassiker in einer Bühneninstallation gespielt, die es ermöglicht, dass die Besucher rund um die Spielfläche Platz nehmen, teilweise sogar mitten im Bühnenbild. Wer hier sitzt, wird überrascht sein von der Lautstärke, die ein einzelner Opernsänger entwickelt kann. Noch stärker aber ist die Energie des gesamten Chors, wenn die Aggressionen zwischen der eingesessenen Bevölkerung und den Neuankömmlingen hoch schäumt. Der neue Hallenser Intendant Florian Lutz betont in seiner Einstandsinszenierung die sozialen Konflikte, bringt die gesellschaftlichen Verteilungskämpfe damit ganz nah an das heutige Publikum heran.

Lutz möchte die Oper wieder ins Stadtgespräch bringen, indem er tagesaktuelle Themen risikoreich auf der Bühne verhandelt, selbst wenn er dafür Kompromisse im Bereich des Musikalischen machen muss. Diese Neuausrichtung mit Knalleffekt ist dringend nötig, denn in den letzten Jahren brachte die Oper Halle zwar immer wieder sehr anständige Produktionen heraus, versank aber insgesamt im Mittelmaß einer Kunstform mit unübersehbarem Publikumsschwund.

Das neue Team in Halle: Veit Güssow, Florian Lutz und Michael von zur Mühlen (von links).
Das neue Team in Halle: Veit Güssow, Florian Lutz und Michael von zur Mühlen (von links).Foto: Anna Kolata

Das will und wird Florian Lutz nun ändern, indem er das Musiktheater neuen Formen öffnet und dadurch beispielsweise auch für die Studenten der gegenüberliegenden Universität interessant macht. Nicht jede Oper verträgt es, so gegen den Strich gebürstet und zur Mitmachaktion umgedeutet zu werden, das wissen auch Florian Lutz und seine Mitstreiter. Deshalb lockt zur Weihnachtszeit weiterhin Humperdincks „Hänsel und Gretel“ die ganze Familie in die Oper, und alle dürfen dann ganz bequem auf den Plüschsesseln im Zuschauerraum sitzen. Vorher wird Jochen Biganzoli mit George Bizets „Carmen“ eine der populärsten Opern überhaupt inszenieren, im kommenden Jahr wird Michael von zur Mühlen mit „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ Gesellschaftskritik liefern und mit einem Auftragswerk der Komponistin Sarah Nemtsov soll auch noch die Gattung weiterentwickelt werden. Dass die Oper Halle sich weiterhin an den Händelfestspielen beteiligt, ist ohnehin Ehrensache.

Eine Leuchtfläche im Boden und einige Scheinwerfer reichen

Auch am Anhaltischen Theater Dessau füllen die Opern Richard Wagners verlässlich das riesige Haus, zuletzt mit einem vielbeachteten „Ring des Nibelungen“ des damaligen Intendanten André Bücker, aktuell ebenfalls mit einem „Fliegenden Holländer“, der aber vollkommen anders ausfiel als im 50 Kilometer entfernten Halle.

Die Berliner Angst vor einem Doppelangebot auf kleinem Raum hat also auch den neuen Intendanten Johannes Weigand nicht beschlichen, als er ebenfalls mit dem „Fliegenden Holländer“ seine erste Saison eröffnete. Statt auf großes Spektakel und Aktualisierung setzt hier der Regisseur Jakob Peters-Messer auf die Stärken des Stücks. Dazu braucht er keine aufwendige Raumbühneninstallation wie in Halle, noch nicht mal ein teures Bühnenbild. Eine Leuchtfläche im Boden und einige Scheinwerfer reichen ihm, um die schaurige Atmosphäre einer romantischen Ballade zu beschwören.

Die Dessauer Bühne gehört zu den größten des Landes, weil die Nationalsozialisten ihren Theaterneubau für die Industriestadt mit ihren Rüstungsbetrieben im Jahr 1938 auf Zuwachs kalkulierten. Während die gut 1100 Zuschauerplätze in der 83000-Einwohnerstadt Dessau schwer zu füllen sind, bietet die damals größte Bühne nördlich der Alpen den Künstler unbegrenzte Möglichkeiten. Jakob Peters-Messer nutzt den weiten Raum für eine fein psychologisierende Choreographie, in der die Figuren von einander angezogen und abgestoßen werden. Dem skrupellosen Holländer ist es vollkommen egal, wer ihn erlöst, wenn er nur den Fluch besiegen kann, während Senta gar nicht so genau hinschaut, um ihr Helfersyndrom endlich ausleben zu können.

Zwei psychisch Auffällige nutzen jeweils den anderen, um ihre eigenen Defizite zu kompensieren, während das soziale Umfeld ratlos reagiert und den beiden auf dem abschüssigen Weg in ihren Tod nicht helfen kann. Für die musikalische Qualität ist seit dieser Spielzeit Markus L. Frank zuständig, der nach seiner Zeit als Generalmusikdirektor in Nordhausen am Harzrand nun auf diese Position am Anhaltischen Theater wechselte, wo er vor einigen Jahren als Erster Kapellmeister bereits für großartige Vorstellungen mit der Anhaltischen Philharmonie sorgte. Das Orchester wurde vor 250 Jahren vom kunstsinnigen Leopold III. gegründet, der auch das Wörlitzer Gartenreich anlegen ließ. Das ist Anlass für eine Jubiläumsspielzeit, in der unter anderem Kompositionen früherer Generalmusikdirektoren wieder aufgeführt werden, darunter immerhin ein Violinkonzert von Eduard Lassen, für das Linus Roth als Solist gewonnen wurde.

Auch der Opernspielplan lockt mit einigen Raritäten. So wird Pietro Mascagnis Verismo-Schocker „Cavalleria rusticana“ nicht wie üblich mit Leoncavallos „Bajazzo“ gekoppelt, sondern mit Pierantonio Tascas „A Santa Lucia“, die selbst eingefleischten Opernfans unbekannt sein dürfte. Schon im Januar lockt Johannes Weigand mit Eduard Künnekes „Lady Hamilton“ Operettenliebhaber in die Stadt, dirigiert von der Ersten Kapellmeisterin Elina Gogou, die bereits an anderen Opernhäusern nachhaltig auf sich aufmerksam machte.

Der dritte "Holländer" legt in Magdeburg an

Während die Intendanten in Halle und Dessau stets auf neue Sparmaßnahmen gefasst sein müssen, kann die Magdeburger Intendantin Karen Stone zumindest in finanzieller Hinsicht recht beruhigt in die Zukunft schauen. Die Landesregierung nutzt das Theater am Universitätsplatz gerne als Aushängeschild, und wer den trostlosen Breiten Weg vom frühgotischen Dom bis zur Oper absolviert hat, freut sich sehr über die kulturelle Oase zwischen Plattenbauten.

Magdeburger Musentempel: Das Theater am Universitätsplatz.
Magdeburger Musentempel: Das Theater am Universitätsplatz.Foto: Andreas Lander

Selbstverständlich muss aber auch Karen Stone auf die Auslastungszahlen achten, und so erfreut hier Peter Tschaikowskis „Nussknacker“ zur Weihnachtszeit, Giacomo Puccinis „Tosca“ springt effektvoll in den Tod und Charles Gounods „Faust“ führt sein Gretchen – regelmäßig zur Freude auch der überregionalen Kritik, die durchgehend sowohl die musikalische als auch die szenische Qualität der Aufführungen lobt.

Im kommenden Jahr wird das Magdeburger Theater den dritten „Fliegenden Holländer“ in Sachsen-Anhalt anlegen lassen, allerdings mit der ortsspezifischen Zusatzrechtfertigung, dass Richard Wagner seine erste Stelle einst am Magdeburger Theater antrat und dort auch seine Frau Minna kennenlernte, mit der er einige Jahre später eben jene Schiffspassage unternahm, die dann die Oper inspirierte. An der Elbe wird Vera Nemirova den verfluchten Seemann die vorbestimmte Braut finden lassen.

Die Regisseurin hat bereits durchblicken lassen, dass es in ihrer Inszenierung um wirtschaftliche Verstrickungen und Sentas Freiheitsdrang gehen wird. Die junge Frau will schließlich um jeden Preis aus der engen Bürgerwelt ausbrechen und nimmt den Erlösungsbedarf des Fremden als willkommenen Vorwand.

Auch in Magdeburg ist Wagner Chefsache. Hier dirigiert ab Januar Generalmusikdirektor Kimbo Ishii, der die Magdeburgische Philharmonie in jahrelanger Arbeit zum Präzisionsinstrument gedrillt hat. So gibt es dreimal den „Fliegenden Holländer“ an benachbarten Häusern mit vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen zu sehen und zu vergleichen. Wer gleichermaßen reiselustig und wagemutig ist, kann sogar ein Kombiticket mit Preisnachlass buchen und wird sich hinterher verblüfft die Augen reiben, dass an den drei Theatern tatsächlich aus identischen Partituren musiziert wird.

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