Kultur : MUSIKTHEATER

JÖRG KÖNIGSDORF

Vielleicht haben höhere Mächte die Komische Oper mit einem Fluch belegt.Dergestalt, daß sie zur Strafe für ihre ziemlich scheußliche Inszenierung von Glucks Orpheus diese Kupfer-Produktion bis zum jüngsten Tag wiederholen muß.Obwohl mittlerweile der Geruch von DDR-Desinfektionsmittel aus jeder Pore des Bühnenbildes dringt.Obwohl dem in den Frauenstimmen disziplinlos leiernden Chor das Stück hörbar zum Hals heraushängt.Obwohl die wackelnden Plexiglaswände Hans Schavernochs vermutlich bald zusammenbrechen werden.Und obwohl Jochen Kowalski, der Star des Abends, in der hundertsten Vorstellung nur noch ein Stimmschatten seiner selbst ist.Längst scheint die bis nach Covent Garden exportierte Erfolgsproduktion von einst im Repertoirealltag der Komischen Oper nur noch nebenher zu laufen, die gerade von diesem Haus beschworenen Premierenqualität noch in der hundertsten Aufführung entlarvt sich hier als bloße Legende.Der "Orpheus" war einst die Glanzpartie Kowalskis, die Rolle, mit der der Altus sowohl gesamtberliner Publikumsliebling (noch zu Mauerzeiten!) wie international gefragter Star wurde.Davon ist jetzt, elf Jahre nach der Premiere, so gut wie nichts mehr übrig: Statt eines jugendlichen Barden steht jetzt ein alter Schlagersänger auf der Bühne.Die weiße Jeans spannt schon gefährlich um die Hüften, das sonnenstudiogebräunte Gesicht straft die von der Inszenierung geforderte Jugendlichkeit beständig Lügen.Die einstmals tragfähige, schlackenlos weiche Stimme ist oft nur noch mit Anstrengung hörbar, kaum eine Phrase, bei der die Intonation noch intakt ist.Das stimmt traurig, weil man einen großen Sänger lieber auf der Höhe seiner Kräfte in Erinnerung behalten hätte.Doch einen solchen Abgang schaffen leider nur die allerwenigsten.

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