Kultur : Musikzimmer: Am Ganges

Da habe ich nun jeden zugänglichen George-Harrison-Nachruf gelesen: schwer erstaunt, wieviele Kollegen "Here Comes The Sun" für ein Meisterwerk halten (das Stück, das man bei "Abbey Road" übersprang, um gleich beim großen "Because" zu landen), milde entsetzt, wer alles "My Sweet Lord" erträglich findet, und politisch indigniert, wer alles den schwer reaktionären Text von "Taxman" durchgehen lässt. Mit De mortuis nihil nisi bene lässt sich das nicht entschuldigen. Denn genug Gutes ließe sich über "Savoy Truffle" zum Beispiel ja sagen. Wie über "Long, Long, Long" - beide aus der besten Zeit Harrisons, als auch das genial-kitschige "While My Guitar Gently Weeps".

Schön auch die mit Letzerem verbundenen performativen Widersprüche: Das Gitarrenlied beginnt mit Klavierakkorden, und auf dem ganzen "Weißen Album", zeigt Harrison, dass er in den Songs der anderen ganz andere Klangfarben als die einer weependen Gitarre auftischen konnte. Leider wurde die später dann wieder zu seinem Hauptklangideal. Neben Indien: "Within You Without You" ist überall überwertet worden. Wie so manches auf "Sergeant Pepper" war es ein Probelauf für Sachen, die später besser werden sollten. Die Idee, einen sprituellen, billig indisch gefärbten, aber ernst gemeinten Pop-Song zu realisieren, gelang Harrison kurze Zeit später mit "The Inner Light", B-Seite von "Lady Madonna". Hier tragen die ethnomusikologisch unsauber aus verschiedenen Regionen und Epochen zusammengeschmissenen Orientinstrumente einen passend verschleppten und doch sehr konzisen Pop-Song, nicht so ein unentschiedenes Gewaber auf den Stelzen des Tamboura-Sound, das "Within You Without You" leider geworden ist - wie "Here Comes The Sun", ein weiterer Opener einer zweiten Albumseite.

Zweite und B-Seiten waren Harrisons Schicksal bei den Beatles. Sein allerbester Song ever erschien auch auf einer, ganz am Schluss der Karriere dieser Band. Mit "The Ballad of John and Yoko" hatte quasi die Plastic Ono Band unter dem Decknamen Beatles eine vollständig McCartney-freie Single-A-Seite geliefert, Harrisons "Old Brown Shoe" auf der B-Seite wurde zu dessen brillantesten Beitrag zu dieser Epoche, wohl sein einziger Song, der es in eine Beatles-Gesamtwerk-Top-Ten schaffen würde. Zumal sich für mich auf immer der Geschmack jener Rahmbonbons mit der überraschenden Akkordfolge im Kehrreim verbindet, die die Firma Sprengel in den späten Sechzigern herstellte: Klassischer Plombenzieherrahm lag neben Nougatschichten, die Gattungsgrenzen zwischen Bonbon und Schokolade waren gefallen, und die süßen Synthesen zogen sich den Gaumen entlang wie die gebremst weependen Gitarrenfäden durch die Hohlräume des seltsamen braunen Schuhes, an den man denken sollte.

Harrison-Songs hatten bei aller Konventionalität durch ihre Schüchternheit, ihre Verweigerung von Aggression und Triumph immer etwas Experimentelles, Verfrickeltes. "Something" war sein einziger Mainstream-Song, der mir gefiel. Er bestand den Shirley-Bassey-Test. Was kann man mehr wollen? Die Meckereien gegen ein sozial einigermaßen gerechtes Steuersystem, die fatale Freundschaft mit dem seit 1970 langweiligsten Musiker aller Zeiten, Eric Clapton, und schließlich der einsame Entschluss, 60 Millionen ausgerechnet der gemeinhin als gemeingefährlich geltenden Hare-Krishna-Sekte zu vermachen, sollte man in diesen Stunden nicht vertiefen, nicht bis auf den Boden dieser heiligen Flüsse jedenfalls. Als Harrisons geistesverwandter Freund Clapton noch bei Groschen und bei Cream war, freute er sich über das Kompliment, wie Coltrane auf der Gitarre zu klingen. Das hat über das Geweepe von "Layla " und all seine noch viel schlimmeren Nachfolger keiner versucht zu wiederholen. Coltrane wäre übrigens 2001 75 geworden. Aus diesem Anlass hat man sein letztes Live-Konzert, vier Monate vor seinem Tode im März 1967 aufgenommen, jetzt zum ersten Mal veröffentlicht. Konrad Heidkamp vergleicht diesen Berserker-Free-Jazz allerkörperlichster Kampfkraft mit Musil und Joyce und meint, es reiche, auch das einmal zu hören, so wie man die Hauptwerke der Moderne ja auch nicht jeden Tag neu lese. Ich war überrascht, wie sehr einerseits nichts von der physischen Überwältigungsenergie verdampft war, in all den Jahren, andererseits alles, was irgendwann irgendwem mal Kakophonie war, heute wie zartester Easy-Listening-Schmelz runtergeht. Eigentümlich widersprüchliche Erfahrung von gleichzeitig Niagara und Badedas. Musik wird immer mit Wasser verglichen. Schon mal aufgefallen?

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