Kultur : Musikzimmer: Klingende Religionsstunden

Diederich Diederichsen lesen Sie wieder am 14. 10.

Gary Todd wächst mit seinen Aufgaben. Der kalifornische Enthusiast will demnächst die gesamten Überbleibsel der legendären "Smile"-Sessions der Beach Boys historisch-kritisch aufbereiten. Das Einverständnis von Brian Wilson ist so gut wie sicher. Einstweilen hat seine Cortical Foundation und ihr Label Organ of Corti ein kaum minder opulentes Projekt abgeschlossen: Auf acht CDs mit neun Stunden Spieldauer liegt nun der fünfte Tag des letzten Sechs-Tage-Festes des Orgien-Mysterien-Theaters von Herrman Nitsch vor. Todd hatte schon früher mit Kompositionen dieses Aktionisten gearbeitet. Als Nitsch gegen den Widerstand von Boulevard-Presse ("Fäkalkünstler!"), Behörden, (Krypto-)Faschisten (FPÖ) und Tierschützern 1998 sein Spiel abhielt, war Todd zur Stelle und dokumentierte die akustische Seite des blutig-dionysischen, katholisch-psychoanalytischen Rituals.

Unter Mitwirkung bekannter Kollegen, wie etwa des strukturalistischen Film- und Kochkünstlers Peter Kubelka, diverser lokaler Kapellen, Militärmusiker und Schauspieler werden in diesen neun Stunden so ziemlich alle Varianten von Musik zu Gehör gebracht, die von anerkannten Glaubensgemeinschaften, Sekten oder Selbstverwirklichern schon mal für spirituell gehalten wurden: lang anhaltende wunderschön gestimmte Glockenkonzerte, gregorianische Gesänge, jubilierende, an den euphorisch-religiösen Free Jazz Albert Aylers erinnernde Blechbläserkapellen und verschiedene Formen ausdauernd-ambientöser Stimulanz des Bauchnabels. Alle Arten religiöser Praktiken werden hier Klang: das Opfer, die ekstatische Verausgabung, die Meditation, die Verzückung. Eben alles, was als Religion nervt und als Musik unschlagbar bleibt.

Gary Todd sorgt selbst für eine Soundschärfe, mit der Nitschs Musik noch nie festgehalten wurde. Die im Hintergrund krakelenden FPÖler und Tierschützer sorgen dafür, dass man sich nicht ganz in den Stimmungen himmlischer Ausschweifung verliert. Man bleibt in Österreich. Zu den acht CDs gibt es reichhaltiges Fotomaterial, genaue Pläne der Örtlichkeiten - denn hier ist der Raumsound ein Erlebnis wie bei Pauline Oliveros Wasserreservoirkompositionen - und rührenderweise ein Räucherstäbchen, leider nur eines.

Das alles bringt uns zu der Formatdiskussion vom letzten Mal. Kein digitaler Grund, nur Industriestandards legen fest, dass hier acht Mal abgebrochen werden muß und wir immer wieder zum CD-Player schreiten müssen, während unserer Andacht. Die sich anbahnende digitale Befreiung aller Musikobjekte erlaubt endlose Spieldauer - und das wiederum legt es nahe, Werke, Stücke, musikalische Diskussionsgegenstände völlig neu und unabhängig von Industriestandards zu definieren: in beide Richtungen. Warum also nicht gleich die sechs Tage durchhören und nicht nur einen davon, warum aber auch nicht die verschiedenen Anschlüsse an das Ein-Sekunden-Stück, das die Death-Metal-Kultur entwickelte, neu betrachten. Oder in der Kultur repetitiver und ebenfalls potentiell endloser Musik den zentralen Loop diskutieren statt der oft nur zufälligen Entscheidung über Gesamtlänge zu folgen. Nicht mehr lange sollten Musiker darauf angewiesen sein, sich der Formate zu bedienen, die ihre Werke in Standard-Einheiten zerlegen - als müsse ein Maler seine Formate aus DIN-A-4-Blättern zusammenfügen.

Formate sprengen, und zwar auch für ein spirituell-politisches Großprogramm, wollten die Teilnehmer des algerischen pan-afrikanischen Festivals im Jahre 1969. Musiker aus der zweiten Generation des Free Jazz waren auf der Suche nach einem afrozentrischen Kommunismus als Befreiungsprogramm - je nach Fraktion: für alle afrikanischstämmigen Menschen oder die ganze dritte Welt. Das französische Zeitgeistmagazin "actuel" tat sich mit dem damals neuen Blues- und Psychedelic-Label byg zusammen, schaffte die ganze Truppe nach Paris, wo sie im August 1969 in verschiedenen Besetzungen an die 30, 40 LPs aufnahmen, die nach und nach veröffentlicht und bald darauf wieder vergriffen waren. Etwa Alan Silvas eine Tripel-LP füllende Komposition, "The Seasons". Thurston Moore von Sonic Youth hat nun gemeinsam mit dem großen US-Underground-Archäologen Byron Coley in diesen Katalog gegriffen und als "Jazzactuel" (BYG/Charly Schallplatten) eine - genau - Tripel-CD zusammengestellt, auf der man unter anderem den sechsten Teil von Silvas Werk und Magnifika vom Art Ensemble of Chicago, Paul Bley, Sunny Murray, Dave Burrel, Grachan Moncur III, aber auch Robert Wyatt hören kann, nämlich sein schon 1969 todtrauriges "Memories", einen Jahrhundertsong, den Bill Laswell ein Jahrzehnt später von einer blutjungen Unbekannten namens Whitney Huston für eine seiner Material-LPs singen ließ. Aber das ist eine andere Geschichte.

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