Kultur : Musikzimmer: Minimalisten und alter Cognac

In der nächsten Woche erscheint Lutz Hachmeis

Die vielen, echten wie voreilig vermuteten Ähnlichkeiten aktueller elektronischer Pop-Musik mit sowohl sogenannter Minimal Music der 60er und 70er Jahre, aber auch Musique Concrète der 50er und 60er sind schon seit einigen Jahren immer wieder Anlass für Kollaborationen zwischen den Welten, die man früher E und U nannte. Der bekannteste Minimalist, Steve Reich, musste - nicht gerade euphorisch und eher säuerlich gute Miene zum ihm unklaren Spiel machend - mitansehen, wie Teile seines Werkes von zeitgenössischen DJs und Produzenten gnadenlosen Remixen unterzogen wurden. Der Concrète-Veteran Pierre Henry, der dagegen schon immer ein Herz für die Jugend hatte und einst mit der Rock-Band Spooky Tooth gemeinsam eine "Ceremony" schrieb, erlebte nicht nur auch diverse Remixe, von denen einer, von Fat Boy Slim, die Titelmusik von "Futurama" wurde (vgl. Pierre Henry/Michel Colombier, "Métamorphose/Messe Pour Le Temps Present", Philips), er schrieb auch eine eigene Techno-Symphonie, seine "10. Symphonie Remix" (Universal/Philips), eine Version seiner 1979 aus einer formalen Analyse von Beethovens Tonlängen gewonnenen und damals zu "Beethovens 10. Symphonie" deklarierten Arbeit.

Aber wichtiger als die Wiederentdeckung eh bekannter E-Figuren durch die Pop-Musik wurde in den 90ern das Wiederauftauchen von Pionieren, die nie am Minimalismus-Boom teilhatten und nie, wie Philipp Glass, Filmmusik- und Staatstheater-Aufträge einsacken konnten. Zunächst meldete sich der auch als Bildender Künstler bekannte Tony Conrad und reklamierte seinen Anteil an den frühen Stadien der Minimal Music - durch Wiederveröffentlichungen und öffentliche Streitigkeiten mit seinem Widersacher La Monte Young. Conrad hatte immer einen Zusammenhang zwischen Minimal und Subkultur behauptet und für seine gemeinsame Arbeit mit Young nicht nur die Vorläuferschaft zu den Erfolgen von Reich und (Terry) Riley, sondern auch zur avantgardistischen Rockmusik beansprucht. Schließlich gründeten ja auch deren Mitstreiter John Cale und Angus MacLise später die Velvet Underground.

Doch Young hält seit Jahren die Tapes dieser Zeit unter Verschluss und für allein sein geistiges Eigentum. Die zufällig befreiten Aufnahmen, die letztes Jahr ans Tageslicht kamen ("Table Of The Elements") und - von einigen Conrad-Solo-Stücken abgesehen - zum ersten Mal diesen frühen Minimalismus zu Gehör bringen, mussten schon aus technischen Gründen eher enttäuschen und lassen weit weniger erkennen als Conrad-CDs und frühe Velvet-Underground-Bootlegs, um welche Intensitäts-Levels es diesen frühen Drone-Rockern gegangen ist.

Aber während Conrad im Laufe der 90er in der Avantgarde-Pop-Szene Anerkennung, Veröffentlichungsforen und eine qualifizierte Rezeption gefunden hat - auch in Berlin konnte man ihn mehrfach erleben -, musste man auf einen anderen exzentrischen Vorläufer immer noch hinweisen. Das hat sich für Charlemagne Palestine erst im letzten Jahr entscheidend geändert. Noch 1999 spielte er beim Mille-Plateaux-Abend in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nicht im großen Saal, doch das Jahr 2000 begann zunächst mit einer Veröffentlichung seines vor zwanzig Jahren geschriebenen und vor zehn Jahren aufgeführten Orgel-Werks "Schlingen-Blängen" (New World Records). Dem folgte das nun wirklich einmal fruchtbare, Generationen überschreitende Treffen der finnischen Post-Techno-Elektronik-Pioniere Pan Sonic (früher Panasonic) mit dem bei Auftritten stets große Mengen sehr guten, sehr alten französischen Cognacs trinkenden Meister des aller allerkleinsten Übergangs (Pan Sonic/Charlemagne Palestine auf Mort Aux Vaches/Staalplat). Und jetzt hat das Alga-Marghen-Label eine regelrechte Edition des Werkes begonnen.

Zunächst erschienen aus den 60er Jahren "Holy 1 & 2", zwei Ballettmusiken, gemeinsam mit "Alloy", das als Musik zu einem Film von Tony Conrad entstand und mit ihm gemeinsam aufgenommen wurde (Alga-Marghen/Golden 1). Dann die "Continuous Sound Forms", mit "Strummings" - wie Palestine seine additiven Sound-Schichtungen nennt - für Hammerklavier und einem "Piano Drone" (Alga-Marghen/Golden 2). Der stets mit einem Haufen Plüschtieren auftretende fanatische Anhänger von Bösendorfer-Flügeln und Erfinder privater Sprachen und schamanistischer Rituale erhält so die Gelegenheit, die neue Bekanntheit bei einem jungen Publikum - man kann in New York auch seine Gemälde wiedersehen - mit Zeugnissen aus dreißig Jahren Arbeit am großen Gedröhn zu kontextualisieren.

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