Kultur : Musikzimmer: Pink Floyd war eine Surfband

Die unlängst an dieser Stelle von mir gelobte Air-CD wurde nicht nur immer wieder falsch verstanden, sie wurde auch immer wieder mit den Stichworten Pink Floyd und Progressive Rock in Verbindung gebracht. Der klar bestimmbaren Ungenauigkeit, mit der der letztgenannte Begriff dabei auftauchte, steht meine eigene Unsicherheit in Bezug zu Pink Floyd gegenüber. Was meint man noch mal genau, wenn man Pink Floyd sagt? Und wie finden wir heute Pink Floyd? Die Drohung der Deutschen Oper, in der nächsten Spielzeit "The Wall" geben zu wollen, macht die Beantwortung dieser Fragen umso dringlicher.

Drei Rezeptionsschulen sind allgemein bekannt. Die radikalste vertritt den Standpunkt, Pink Floyd sei nur so lange gut gewesen, wie Syd Barrett dabei war. Also eigentlich nur ihre erste LP, "The Piper At The Gates Of Dawn", vielleicht noch bei einigen von Barrett beeinflussten oder gar mitverantworteten Momenten des "More"-Soundtracks oder bei "A Saucerful Of Secrets". Eine zweite Schule vertritt die Position, die gesamte psychedelische Phase sei okay gewesen. Also die, in der die Soundarchitektur das Songwriting dominierte. Das Ende wäre also erst mit "Atom Heat Mother" gekommen, erst recht mit "Dark Side of the Moon". Eine dritte Schule findet alles gut, ja meint erst in den schrecklichen Kitschmelodien, grausigen R & B-Verschnitten und Westendtheaterspektakeln sei die Band relevant geworden, "The Wall" eine veritable Allegorie auf die "Mauer in den Köpfen". Ehrensache, dass ich im Prinzip Anhänger der ersten Schule bin, aber mit kleinen Modifikationen.

These: Pink Floyd waren eigentlich eine Surfband. Barretts Genie lag zwar unbestritten darin, songartige Vehikel für eine Musik des elektronischen Klangexperiments zu schreiben, die diesen nicht äußerlich waren, sondern auf ganz seltsame Weise mit der Poesie der Effekte zusammenschnappten. Doch bei den langsam sich aufbauenden, mit Material operierenden Paradestücken ("Interstellar Overdrive", "Astronomy Dominé") konnte er mit diesen kleinteiligen Pieces nicht weit kommen: Sie bauen statt dessen oft auf Bassstimmen-bezogenen Riff-Kürzeln auf, die in langen, vom Verzerrer gedehnten Fermaten auslaufen. Von dort bricht man auf, dorthin kehrt man zurück. Das ist aber exakt die Architektur des Surf-Instrumentals. Bei dem es auch darum ging, mit einem attraktiven musikalischen Minimum einen neuen Sound zur Geltung kommen zu lassen, insbesondere seine special effects: Sustain, Verzerrung etc.

Als Barrett weg war, konnte Waters bei dem verschleppten, zerdehnten, lysergsäuremüden, mystischen Material auf diesem Prinzip aufbauen. Zwar waren seine Kürzel schon triefäugiger, kitschiger, deutscher, aber sie ließen noch dem Sound den Vortritt und begnügten sich mit atmosphärischem Muff.

Zur Floyd-Rekanonisierung gehört natürlich eine Relektüre von Friedrich Kittlers legendärem Fan-Aufsatz "Der Gott der Ohren" (1984). Kittler scheint der dritten Schule anzugehören, denn er baut seinen Pink-Floyd-Aufsatz auf einem Song von "Dark Side Of the Moon" auf, aber andererseits ist er auch Barrettianer und schreibt mit Fan-Begeisterung die Legenden von dessen Schizo-Genie weiter. Berühmt und folgenreich ist der Text ferner, weil Kittler hier - erstmals - fordert, statt Songwriternamen doch die "Schaltpläne der Anlagen (...) und die Typennummern der eingesetzten Synthesizer" zu nennen. Die Rezeption dieser sehr speziellen Absage an Autorschaft ist zwar als Bekenntnis - "gegen Autorschaft" - in der Berichterstattung über elektronische Musik sehr fruchtbar gewesen, aber selten methodisch konsequent umgesetzt worden. Genau wie Kittler Eigenschaften und Effekte der Floyd-Platten doch wieder von der Psychologie, Bildungsgeschichte und musikalischen Biographie von Waters und Barrett ableitet, schreiben diese Kollegen ihre Blätter natürlich auch mit Bios und Homestories von Künstlern voll, die doch eigentlich hinter Typenbezeichnungen verschwinden müssten - oder: Softwarefirmen und -versionen.

Aber es ist eben nicht nur ein Soundraum, in dem Floyd sich ausdehnten, sondern Sound immer nur eine Dimension. The House that Jack Built. Or Syd: Melodie oder andere Tonhöhenorganisation, Texte und Intertexte. Ohne ganz viel Soziologie kann man mit dem großartigen "Ibiza Bar" überhaupt nichts anfangen. Eine hervorragende Surf-Version von "Interstellar Overdrive" findet man bei der 80er Band Lawndale: "Interstellar Caravan" blendet Floyd und Duke Ellington ineinander. Für einen Besuch im Soundraum der Stunde empfehle ich im übrigen "Now I m Rendered Useless" von Twerk, insbesondere den Track "Miol". Weitere Beiträge zum Use und der Uselessness von Autorenkonzepten.

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