Kultur : Musikzimmer: Warm oder Walzer

Ein Jahr ist vorbeigegangen, das, wie oft betont wurde, mit einem Film verbunden war. "2001 - Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick war schon den Zeitgenossen ebenso rätselhaft wie inspirierend erschienen und bot Anlaß für Interpretationen wie Irrfahrten durch psychedelische Innenwelten. "2001" ist eine Vedichtung - zum einen aus einem konkreten und jederzeit problemlos auf DVD digital abrufbaren Kunstwerk und zum anderen aus einem Mythos, aus zu Lebensgeschichte sedimentierten generationsspezifischen Erfahrungen. Sie ergeben ein einziges änigmatisches Denkbild im Sinne Benjamins, das natürlich besonders in dem nun historischen Jahr, mit dem es durch seinen Namen verbunden ist, eine starke Wirkung ausgeübt hat.

Von "2001" etwa führt ein direkter Weg zur 2001er Biennale in Venedig. Auch diese Großausstellung wollte, genau wie mittlerweile jedes zweite Video zu digitaler Pop-Musik, Freuden und Schrecken posthumaner Subjektivität erkunden. Wie am Ende der durch Cyberkultur, Gentechnologie oder auch Weltraumreisen von sich selbst entfernten Menschheit ein besonders kitschig eindrucksvolles Bild des Anthropischen gegen die Gefahr der Auflösung im Entropischen aufgeboten wird, verbindet Kubricks Film mit hochgelobten Gegenwartsphänomenen wie dem auch in Venedig ausgestellten Chris-Cunningham-Video zu Björks "All Is Full Of Love". Da die einzelnen Installations-Kabinen nicht annähernd schalldicht waren, wiederholte die Isländerin ihren Refrain mit der verläßlichen Pünktlichkeit des Video-Loops alles überkrähend in die anderen Kunsterlebnisse der weitläufigen Hallen des Arsenale hinein. Die Botschaft von der Liebe als alles überdauendem Substrat des Humanen gellte gnadenlos durch Alteuropas Hochkulturhauptstadt.

Die Rückkehr der reitenden Leichen des Existenzialismus aus dem Geiste von Cyber und Techno ist ein ebenso schwer erträgliches, weit verbreitetes wie auch Ernst zu nehmendes, unumgängliches Phänomen. Seine traurigste Form sind sicher die depressiven und mit weinerlichen Frauenstimmen gewürzten Downbeat-Tracks unserer Tage. Der Wunsch heutiger PC-Musiker, besonders ihre digitale Geplantheit und ihre entsubjektivierte, software-induzierte Form ausstellende Tracks mit besonders menschelnden Stimmen zu parfümierter Oh-Postmensch!-Ästhetik zusammenzukochen, ist epidemisch verbreitet.

Nun gehört es wirklich zu den zentralen Spannungen aller sogenannten Maschinenästhetiken, insbesondere in der Musik, daß sie das Verhältnis zum Körper neu aufspannen. Aber unerträglich wird es fast immer, wenn dies in einem (meist freiwillig/unfreiwillig normativen) Bild eines neuen Körpers als neuer Mensch gipfelt - zur Zeit ebenso oft in Videos zu sehen wie in erstarrten Klangbildern zu hören -, das keine Spannung mehr enthält, sondern Ideologie, die mehr drückt und nervt als das böse alte "bürgerliche Subjekt", von dem alle Techno-Euphorie sich immer so beschwingt distanzieren wollte.

Wer aber hat die Musik zum Denkbild "2001" beigetragen? Weniger Ligeti, den seit damals das Problem verfolgt, dass seine neue Musik nun eindeutig als Space-Sound semantisiert ist. Auch nicht Richard Strauss, dessen "Zarathustra" sich bald darauf Eumir Deodato endgültig für seine Disco-Fassung einverleibte und nicht wieder hergab. Es ist Johann Strauß und sein ohnehin schon bekanntestes Musikstück der Welt, "An der schönen blauen Donau". Dies wurde durch Kubrick scheinbar jeder viennösen Walzerseligkeit entrissen und zu einem bizarr funkelnden und komplett ambivalenten Code jeder Zukunft erklärt. Eine leere, tote und prächtige Perfektion rollt hier ab, von der man nicht weiß, ob sie gut oder böse ist, auf jedem Fall ist sie transhuman.

Diese Musik erstaunt uns, weil sie dies hinter ihrer wienernden Miene fast erfolgreich verbirgt. Sie entspricht den perfekten menschlichen Gesichtern von Aliens, die diese wie Masken im entscheidenden Moment abstreifen. Dahinter ist nichts, beziehungsweise: "Jupiter und dahinter die Unendlichkeit". In Österreich spielt man diesen transhumansten aller Tracks pünktlich zum neuen Jahr auf den Silvesterpartys. Die Wiener Philharmoniker wiederholen ihn nocheinmal im Neujahrskonzert, durchaus im Glauben an seine Tradition. Unfreiwillig formulieren sie so rituell die Offenheit jeder Zukunft, die immer etwas traditionell Vorgeprägtes braucht, um ihre kalte Kontingenz entfalten zu können. Dass Zukunft nur kalt und kontingent sei, ist freilich auch Ideologie, sie braucht das Warme, zum Muffigen verzerrt, als Gegenbild - und das findet sie beim Walzer.

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