Kultur : Muß das BE in die Freie Volksbühne?

Das Berliner Ensemble muß vom Theater am Schiffbauerdamm möglicherweise schon bald in das ehemalige Haus der Freien Volksbühne an der Schaperstraße in Wilmersdorf umziehen.Dies bestätigte gestern Axel Wallrabenstein, der Sprecher des Berliner Kultursenators Radunski.Ein Mietvertrag mit der Ilse-Holzapfel-Stiftung, der das Gebäude am Schiffbauerdamm gehört, ist immer noch nicht unterschrieben.Die Gespräche mit dem Dramatiker Rolf Hochhuth, der hinter der Stiftung steht, gestalten sich schwierig, und der Ton verschärft sich.Wallrabenstein bekräftigte gegenüber dem Tagesspiegel die Auffassung seiner Behörde, daß der mit Hochhuth ausgehandelte Vertrag unterschriftsreif sei.Weitere Nachverhandlungen werde es nicht geben.Entweder Hochhuth unterschreibe den Vertrag in seiner jetzigen Form, oder das Theater ziehe an die Schaperstraße um: "Dann kann Hochhuth am Schiffbauerdamm Würstchen grillen oder Brötchen backen", so Wallrabenstein.Mit ähnlicher Tendenz äußerte sich Radunskis Staatssekretär Lutz von Pufendorf am Montag vor dem Kulturausschuß.Auch Claus Peymann, designierter BE-Intendant, kann sich die Zukunft der Bühne notfalls in einem anderen Haus vorstellen.Probleme bereitet die Forderung Hochhuths, das BE in der Sommerpause mit eigenen Produktionen zu bespielen und alljährlich im Oktober dort seinen "Stellvertreter" aufführen zu lassen.Unklar ist, wie diese Aufführungen auch während einer Renovierungsphase am Schiffbauerdamm stattfinden könnten und wie sie finanziert würden: "Das ist Hochhuths Problem, nicht unseres", sagt Wallrabenstein. Tsp

Die Bombe BE

Das wäre der Hammer: Claus Peymann und ein neu formiertes Berliner Ensemble spielen zum Beginn der erhofften neuen Ära nicht auf den Brettern, die einmal mit Brecht & Co.die Theaterwelt bedeuteten.Sondern zögen vom legendären Haus am Schiffbauerdamm in die lange verwaiste, meist nur noch zum Theatertreffen im Mai kurzfristig wiederbelebte Freie Volksbühne.In die Stille, tief im Westen, weitab von der neuen alten, jetzt mehr und mehr pulsierenden Mitte der Hauptstadt.Eine Institution, die nicht allein von der schönen Kunstabsicht lebt, die vielmehr die Nähe und Reibung, den animierenden Kontrast des politischen Zentrums und zu den konkurrierenden Szenen des Deutschen Theaters und der Castorfschen Volksbühne braucht, sie droht nun ins Abseits zu geraten: Wenn es nicht zwischen BE, Berliner Senat und der durch Rolf Hochhuth vertretenen Holzapfel-Stiftung (als Eigentümerin am Schiffbauerdamm) endlich zur Einigung kommt.Der Streit, ob und wie dort ein Hochhuthscher Sommer- und Sonderspielplan realisiert werden kann, gleicht längst einer Theaterposse.Aus der Provinz.Der teils rechthabende, teils rechthaberische Dramatiker sollte nun doch die Größe besitzen und einlenken, vielleicht auch nachgeben.Er stünde ja nach einem Auszug des BE mit einer leeren Bühne ohne eigene Theatermittel da: in einem Geisterhaus.Und ausgerechnet Hochhuth, der immer mit heiligem Ernst für eine Öffnung der wichtigen Häuser für die lebenden Autoren gestritten hat, ihm haftete dann das Odium des Theaterschließers, des Bühnenkillers aus Starrsinn an.Auch würden lebende Dramatiker auf der viel schwerer zu bespielenden, ungünstiger dimensionierten Szene der Freien Volksbühne noch weniger inszeniert - und nach dem Eklat hätte Hochhuth eben seinen wichtigsten Trumpf verspielt: die Forderung, an der Stätte Brechts tatsächlich wieder ein Theater der Zeit und ihrer gegenwärtigen Autoren zu eröffnen.Denn die produktive Rolle, Claus Peymanns nervender Stachel und schlechtes Gewissen zu sein, wäre Hochhuth dann los.Zudem wird aus dem "Stellvertreter", den Peymann, wie in Wien, womöglich freiwillig spielte, so erst recht kein Berliner "Jedermann".Die Bombe freilich tickt.Weil die Zeit ohne Einigung gegen das Theater spielt, nicht nur in Berlin. P.v.B.

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