Kultur : Muss Kunst kämpfen, Herr Jaeggi?

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Herr Jaeggi, In Ihrem autobiografischen Roman „Soulthorn“ sagt die Figur Kocher: „Ohne unsere Unaufmerksamkeit wären Museen Orte des Aufruhrs.“ Glauben Sie das auch?

Künstler träumen davon, dass Museen Orte des Aufruhrs sind oder zumindest sein müssten. Wie Bücher auch. Man will etwas bewegen, nicht einfach nur schöne Dinge machen. Ich bin in einer sehr politischen Familie groß geworden. Nach dem Krieg, ich war 14, fragten wir uns: Was jetzt? Wir lasen Jaspers’ „Schuldfrage“, Sartre, Camus, die Existenzialisten. Meine Generation hat sich immer wieder gefragt: Wozu mache ich etwas? Die WarumFrage wird heute immer weniger gestellt. Viele der Jüngeren steigen einfach ein, machen etwas, nennen sich Künstler. Wir wollten aber wissen: Was tun wir eigentlich? Was kann Kunst, Literatur, Musik? Wir wollten die Revolte – etwas in Bewegung setzen, etwas verändern.

Sie sind Künstler, Schriftsteller und Soziologe. Steht der Autor dem bildenden Künstler bisweilen im Wege?

Ich habe mit mir selber viele Schwierigkeiten, aber nicht mit meinen verschiedenen Aktivitäten. Eher mit der jeweiligen Fachöffentlichkeit, die lieber in wohlsortierten Kästchen denkt und an den Bezeichnungen Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler klebt. Das verniedlicht die biografischen Brüche, die heute für viele immer selbstverständlicher werden. Man muss oder will Neues probieren. Trotzdem trenne auch ich: Es gibt Phasen, in denen ich nur Kunst mache oder nur schreibe. Parallel geht es nicht.

Und der Soziologe kommt Ihnen dabei nicht ins Gehege?

Nein, aus der Soziologie habe ich mich zurückgezogen. Sie ist am Ende, was man natürlich auch von der Kunst sagen kann. Trotzdem bin ich mit dem Kopf immer noch dabei. Ich kann meine über 30-jährige Lehr- und Forschungserfahrung nicht einfach in die Ecke stellen, aber Schreiben und Malen sind mir wichtiger geworden sind.

Sie haben Ihre Ausdrucksform zunehmend reduziert und radikalisiert. Fürchten Sie nicht, missverstanden zu werden?

Es geht nicht anders, ich kann nicht anders. Wenn ich die Radikalität preisgäbe, würde meine Kunst zwar möglicherweise marktgängiger, akzeptierter, aber ich würde sie nicht mehr machen wollen.

In Ihrem neuen Buch „Kunst“ machen Sie den jüngeren Künstlern Mangel an Lebensnähe, mangelnde Verbindlichkeit zum Vorwurf.

Die Verbindlichkeit fehlt in der Gesellschaft allgemein. Werte sind flüchtig geworden. Und alles passiert viel schneller. Viele Kunststudenten gehen nach dem Gymnasium direkt an die Kunstakademie. Wir hatten einen viel längeren Anlaufweg, was für Künstler wichtig ist. Eine andere Erklärung ist die Internationalisierung: Alle wissen sehr früh, was auf dem Kunstmarkt los ist und wie man sich am besten einbringt. Ich unterrichte an einer Kunstakademie in Mexiko-City; auch dort lernen die Kunststudenten früh, die angeblich internationale Kunst zu internalisieren. Das ist gut für das Weiterkommen, aber nicht unbedingt für die Kunst. Man muss durch Höllen gegangen sein, bevor man Kunst macht. Das war jedenfalls meine Ausgangssituation. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen wir die Schrecken des Krieges und der Konzentrationslager mit, standen vor dem Nichts und setzten, am Eingang der Hölle, auf Verantwortung uns selbst gegenüber. Existenzialismus pur. Literatur und Kunst waren die Anker. Der „Zeitgeist“, hinter dem mehr steckt als das bloße Wort, setzt Eckdaten für das Leben.

Die Documenta in diesem Jahr war eminent politisch und verstand sich als Aufklärerin gesellschaftlicher Missstände rund um den Globus. Ist das eher in Ihrem Sinne?

Ja. Auch weil es weniger um die alte Aufklärung ging, als um Information und Reflexion. Schon Catherine David hat mit der vorherigen Documenta versucht, einen neuen Diskurs anzufangen. Bei der diesjährigen Documenta war das noch expliziter. Natürlich beginnen beim Publikum und den Sachverständigen die Schwierigkeiten, wenn Dokumentarisches prominent als Kunst gezeigt wird. Da bröselt die übliche Rezeption – was ich gut finde. Auch der Versuch, im Rahmen des Festivals MEXartes Künstler, Schriftsteller, Musiker und Tänzer aus Mexiko nach Berlin zu bringen und damit Botschaften aus einem Land, das die Kulturkonflikte der Zweit- und Drittländer zeigt. Wir leben in einer sich globalisierenden Welt, die Ziele – zunächst ökonomische Ziele - vorgibt und die Zurückbleibenden unterwirft. Auch kulturell. Andererseits haben diese Länder starke Kulturen, die einen auf Dinge zurückführen, die man hier nie richtig ernst genommen hat oder zu vergessen beginnt. Wenn man sich nur in amerikanisch- oder eurozentrierten Kunstzirkeln bewegt, wird die Welt eng. Wir brauchen die Blicköffnung. Das hat die letzte Documenta versucht.

Ein Anfang also...

Die fremde Kultur wird immer noch als fremd angesehen. Der fremde Blick ist wichtig, aber er muss von beiden Seiten kommen, vom Unterdrücker und vom Unterdrückten. Das ist ein langer Prozess. In zwanzig Jahren wird man darüber ganz anders reden. Die Kunst versucht, diesen Bann zu brechen, etwa in Mexiko, wo in einer langen Tradition Emigranten und Immigranten in diesem Spannungsfeld gearbeitet haben. Die dortigen Studenten spüren, dass sie eigentlich woanders herkommen und durch die neue Bildwelt deformiert oder, netter gesagt, umorientiert werden. Andererseits wollen sie unbedingt in die sich internationalisierende Welt hinein. Das geht manchmal zu schnell. Das Herkunftsmilieu wird verwischt, die eigenen Ressourcen verkümmern. Umgekehrt ist es Teil des Erfolges der Schweizer Kunst, Literatur und Architektur, dass sie noch Bodenhaftung hat und in ihrer Langsamkeit die scheinbar Schnelleren überholt.

Dabei wird für Ihr neues Buch mit dem markanten Zitat geworben: „Zerstörung ist kein Privileg des 20. Jahrhunderts, sondern etwas sehr Humanes.“

Ein böser Satz, sicher. Hätte ich ihn „humaner“ formulieren sollen? Wenn man die Geschichte anguckt, dann sieht man, wie viel Zerstörung und wie viel Kultur wir gleichzeitig geschaffen haben. Es gibt, von den alten Griechen bis heute, die Spannung zwischen Vernichtung und Kreativität, zwischen Okkupieren, Unterdrückung und gleichzeitigem Schenken. Das ist mit viel Blut verbunden, im Namen der Zivilisation und Kultur. Meine Generation ist durch den Zweiten Weltkrieg geschockt worden. Humanisieren hieß immer auch Zerstören.

Mit dem Titel „091101“ Ihrer gerade laufenden Ausstellung zitieren Sie das Attentat auf das New Yorker World Trade Center.

Das war natürlich ein symbolträchtiges und im Ausmaß unerwartetes Ereignis, auch wenn man schon vorher nicht mehr leichtfertig an eine globale Gesellschaft glaubte, in der sich alles und alle immer näher zu kommen schienen. Trotzdem hat es einen Schock ausgelöst. Auch die Optimisten und Uninteressierten spürten, dass one world eine Fiktion ist. Insofern war das Attentat ein Menetekel. Wir leben zwischen ökonomischen Auf- und Abschwüngen, Friedensbemühungen und Kriegen, extremem Reichtum und Elend und einer sich permanent ins Innovative und Gefährliche weiterentwickelnden Technologie. Die Kunst, als poetischer Widerstand, behält daneben etwas Kindliches, Überflüssiges – und doch Notwendiges.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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