Kultur : Mut proben

Drei Jahre nach seinem Bestseller „Generation Golf“ legt der Berliner Journalist Florian Illies nun eine Fortsetzung vor: „Generation Golf zwei“ beschreibt Deutschlands Dreißigjährige, ernüchtert von Börsenchrash, 11. September und Irak-Krieg. Private Schmollfibel oder Zeit-Dokument? Eine Kontroverse zur „GG zwei“

Christoph Amend

Man sitzt am Computer, um den neuen Illies zu besprechen, und tausend Gedanken gehen einem durch den Kopf. Ja, man hat „Generation Golf zwei“ gelesen, an nur einem Abend und mit großem Vergnügen, man hat oft laut gelacht, ziemlich oft sogar. Und manchmal hat man sich ertappt gefühlt, wenn Florian Illies, Jahrgang 1971, über das Leben, Denken und Handeln seiner Generation schreibt.

Zum Beispiel beim Thema Beziehungen, wenn er beobachtet, wie in seiner Generation mit dem drohenden Ende einer Liebe umgegangen wird: „Ich weiß, wie solche Gespräche weitergehen. Weil sie sich nicht trauen zu sagen: Es ist Routine zwischen uns geworden, aber solange ich keine Bessere gefunden habe, bleibe ich erst mal mit ihr zusammen, sagen sie: Es ist zwischen uns mehr so wie zwischen Bruder und Schwester.“ Oder wenn Illies sich daran erinnert, wie er als kleiner Junge sich bei Herrn Eichenauer, seinem Friseur, einen Schnitt wie Karl-Heinz Rummenigge wünschte, dabei stotterte, „aber andererseits war Stottern damals sehr angesagt, egal ob in der Werbung bei Stu-stu-stu-Studioline, in der Musik bei Ba-ba-ba-ba-banküberfall oder bei der UN mit Boutros Boutros-Gali“. Oder an einer anderen Stelle, wenn er ernst bilanziert: „Shoppen am Samstag und brunchen am Sonntag haben uns lethargisch gemacht. Und denken wir an einem Sonntagabend tatsächlich einmal über unser Verhalten nach, dann schieben wir die Schuld für unser Desinteresse an Staat und Gesellschaft den Politikern in die Schuhe. Das ist natürlich furchtbar bequem. Schließlich wurden die 68er ja auch nicht freundlich von Adenauer und Kissinger gebeten, sich politisch zu engagieren.“

Man hat dem Autor Florian Illies, Erfinder der Generation Golf, dabei zugesehen, wie er durch 200 Seiten getanzt ist, mit seiner eleganten Ironie, seiner genauen Beobachtungsgabe und seinem leichten Erzählton, den er über die Jahre perfektioniert hat. Und trotzdem war man all die Fragen nicht losgeworden: Darf der das? Kann einer, der ein Bestseller-Autor geworden ist und ein heftig umworbener Journalist (er war leitender „FAZ“Redakteur, bevor er selber kündigte), authentisch über das Scheitern einer Generation schreiben, die zum ersten Mal Arbeitsämter von innen sieht? Trifft einer den Nerv seiner eigenen Jahrgänge noch, wenn sein Leben meilenweit entfernt ist von den allermeisten anderen? Und wie plump ist es, ein Buch „Teil 2“ zu nennen, weil Teil eins so prima funktioniert hat?

Man muss Florian Illies nicht besonders gut kennen, um zu ahnen, dass er sich diese Fragen gestellt hat, als er „Generation Golf 2“ geschrieben hat. Offenbar ist er trotzdem zu dem Schluss gekommen, das Reizwort „Nutella“ schon auf der ersten Seite vorkommen zu lassen, auch wenn er wissen musste, dass seine Kritiker nur darauf warten würden.

Also: einerseits Vergnügen und Anregung bei der Lektüre, andererseits die Zweifel. Und jetzt?

Dann erinnert man sich an die Zeit vor drei Jahren, als „Generation Golf“ erschien. Da hatte doch einer etwas gewagt, was unter den Autoren seines Alters als die größte Sünde überhaupt galt: ein Buch über seine Generation zu schreiben. Man war sich damals einig: So was macht man einfach nicht, weil man, erstens, seine Freunde und Bekannte nicht der Welt da draußen ausliefert, und, zweitens, es die eine Generation gar nicht gibt. Und dann kam Illies und warf alles über den Haufen. Warum? Er hat es eben trotzdem getan. Er hatte Mut.

Nun hat er wieder etwas getan, was als unfein gilt und seine Erfolgsformel (von der er vor vier Jahren nicht wissen konnte, dass sie existiert) noch einmal angewandt.

Wie schon bei Teil eins fühlt man sich manchmal auch nicht angesprochen. Illies beginnt mit einem Frühstück bei Freunden, großes Thema die nächste Heirat eines Paares – diese Beobachtung betrifft wohl eher auf die älteren Jahrgänge der Golfer zu. Oder sein Zuhause-Rumhocken: Ein Leben nach Mitternacht findet nicht statt. Und sein Hass auf die 68er outet ihn als einen, der im Kopf älter ist, als sein Pass ausweist. Aber wenn Illies über die Handy- und SMS-Sucht der Golfer schreibt, hinter der eine Einsamkeit von riesigem Ausmaß steckt, trifft er den Nerv: „Welche Angst, sich im Wort vergriffen zu haben, wenn man nach zehn Minuten keine Antwort hat.“

Illies beobachtet die Oberflächen und schließt daraus auf die anderen Schichten. Trotzdem wird die unterhaltsam verpackte Selbstkritik gerade ältere Leser verwirren, die erwartet haben, hier rechne einer endlich mit seinen Altersgenossen ab. Illies korrigiert sich zwar selbst (seine Börsengläubigkeit etwa oder den Glauben an die eigene Unverwundbarkeit), aber er bleibt bei seiner Generation und distanziert sich nicht von ihr, obwohl er dafür leicht Applaus ernten könnte. Und es ist egal, wie weit entfernt die Person Illies von den anderen lebt: Dem Autor merkt man es nicht an – und nur das zählt.

Auch der vier Jahre ältere Florian Illies beweist wieder Mut: Er hat nicht für die Medienelite in Berlin-Mitte, München oder Hamburg geschrieben. Er hat nicht über seine Generation geschrieben, sondern für sie. Er hat ein schönes Buch geschrieben, das ihr Hoffnung machen wird. Denn bei aller Krise ist das Erscheinen von „Generation Golf 2“ der beste Beweis, dass es weitergeht. Fortsetzung folgt – hoffentlich.

Der Autor, 29, ist Tagesspiegel-Redakteur und hat in diesem Jahr sein Buch „Morgen tanzt die ganze Welt – die Jungen, die Alten, der Krieg“ veröffentlicht (Karl Blessing Verlag, München).

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