Kultur : Mut und Macht

Zum Tod des ungarischen Schriftstellers István Eörsi

Peter von Becker

Wir kannten uns mehr als zwanzig Jahre. 1984 inszenierte George Tabori an der Berliner Schaubühne die Uraufführung eines in Deutschland bis dahin unbekannten Autors aus Budapest: „Das Verhör“, ein Gefängnisdrama von István Eörsi. Es spielt in einer ungarischen Winternacht 1953, und nur die Wärter wissen, dass soeben der allgegenwärtige Oberaufseher Josef Stalin im Kreml gestorben ist. Kurz vor der „Verhör“-Premiere trafen wir uns in der Berliner Redaktion von „Theater heute“ zu einem Interview.

Da lag nun ein Stapel Fotos vom Ungarn-Aufstand 1956 auf dem Tisch, an dem Eörsi als 25-Jähriger teilgenommen hatte. Als wir gemeinsam auf die Bilder schauten, die zum Interview und dem Abdruck seines Stücks erscheinen sollten, erstarrte der beschwingte Autor mit einem Mal. Er zeigte auf ein Foto der post-stalinistischen Schauprozesse nach der Niederschlagung des Aufstandes: „Der hier in der ersten Reihe bin ja ich!“ István Eörsi, dessen „Verhör“ in Ungarn über zwei Jahrzehnte verboten war, hatte von der Existenz dieser Bilder keine Ahnung gehabt – jetzt sah er sich selbst zum ersten Mal in den dramatischsten, bedrückendsten Stunden seines Lebens. Es war eine Nahaufnahme, Eörsi deutete auf die neben ihm sitzenden Angeklagten und sagte immer nur leise: Todesurteil, hingerichtet. Er selbst wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, mit Glück, obwohl er keine Mithäftlinge verraten hatte. Aber es durfte aus Propagandagründen nicht nur Exekutionen geben.

István Eörsi war ein mutiger Mensch. Rundköpfig, rundbäuchig glich er einem lebenslustigen Bauern, doch aus ihm sprühte ein scharfer Verstand, ein quicker Witz und eine wunderbare, von keiner Kulturbetriebseitelkeit je getrübte Herzlichkeit. Hinzu kam sein unerschütterlicher Sinn für Gerechtigkeit. Wer wie er den Stalinismus, dann den Gulaschkommunismus und Nachwende-Opportunismus überlebt hatte, dem machte man nichts mehr vor. Und so verachtete er nicht nur die neuen, antisemitischen Nationalisten im eigenen Land. Auch George W. Bush und seine Neocon-Kamarilla durchschaute er früh als „schlechte, aber gefährliche Schauspieler“.

Schon als Student des sozialistischen, mit seinem Realismus-Begriff weit über Ungarn und Osteuropa hinaus einflussreichen Literatur-Theoretikers Georg Lukács blieb er auf Distanz gegenüber Dogmen und Macht. Seinem ambivalenten Verhältnis zu Lukács hat er geistvolle Essays und das Stück „Die Stimme seines Herrn“ gewidmet. Später, auf Westreisen, wurde er zum Freund und Übersetzer des amerikanischen Beatpoeten Allen Ginsberg; als Übersetzer und Dramaturg war er auch die ungarische „Stimme“ Shakespeares, Goethes, Heines und Brechts. Ähnlich wie seinem Landsmann Imre Kertész ist ihm Berlin dann neben Budapest zum zweiten Wohnsitz geworden. Der absurde Gombrowicz und der biblische Hiob waren seine fern-nahen Leitfiguren. Jetzt ist er, selbst für Freunde unerwartet, in Budapest mit 74 Jahren an Leukämie gestorben.

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