Kultur : Mut und Widerstand in Bayreuth Eine Biografie über Friedelind Wagner

Sabine Zurmühl

Die Buchpräsentation fand tatsächlich in demselben Kaminzimmer im Siegfriedbau neben der Villa Wahnfried statt, in dem damals Winifred mit Hitler sprach, während die kleine dicke Friedelind draußen Fußball spielte. Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger hat eine Biografie über Friedelind Wagner verfasst, die 1918 geborene, 1991 verstorbene Schwester Wieland und Wolfgang Wagners und Komponistenenkelin. Als Einzige des ganzen Wagner-Clans hatte sie den Nationalsozialismus heftig kritisiert, war nach England emigriert, später nach Buenos Aires und New York. Sie kehrte 1953 nach Bayreuth zurück, in der Annahme, sie werde nun mit der Festspielleitung betraut. Das Gegenteil war der Fall: Die Brüder Wieland und Wolfgang hatten die Posten schon aufgeteilt, der „Verräterin“ blieb viel Hohn und Verachtung durch die Familie wie durch das Nachkriegsdeutschland mit seinem Emigrantenhass.

Dass endlich eine Biografie über Friedelind erscheint, gefällt den heute noch ungebrochen in Bayreuther Angelegenheiten engagierten Töchtern von Wieland Wagner, nämlich Iris, Nike und Daphne Wagner, außerordentlich gut. Sie unterstützen die Bayreuther Buchvorstellung mit ihrer Anwesenheit. Iris, die Älteste, die heute gegen die aktuellen Museumspläne um Wahnfried kämpft; Nike, die Leiterin der „Pèlerinages“ in Weimar mit Nähe zum gemeinsamen Ur-Urgroßvater Franz Liszt, und Daphne, die Jüngste, Schauspielerin aus München; die drei eleganten Frauen sitzen da mit ihren Wagner-Köpfen, alle inzwischen im schlohweißen Haar, und erinnern auch mit persönlichen Worten an Friedelind, die „ihre Wagnernase hatte und das Selbstbewusstsein, aber keine Ausbildung.“

„Sie kam wie ein Ufo“, berichtet Nike, „unkonventionell, herzlich, enorm generös.“ Immer sei sie „mit den richtigen Leuten“ zusammen gewesen, so mit der Freundin und jüdischen Sängerin Frida Leider. Sie habe sich damals im ersten Stockwerk des Gärtnerhauses zwischen Kosmetika und Manuskripten eingerichtet, misstrauisch beäugt von den Brüdern und der Mutter Winifred, während die Kinder neugierig und fasziniert eine innere Freiheit, persönliche Integrität, ungebremstes Lachen und ungebremsten Zorn bei ihrer „amerikanischen“ Verwandten mit den zeltartigen Kleidern und riesigen Hüten erlebten.

Daphne Wagner berichtet von der Masterclass, die Friedelind für junge Musiker gründete und in der sie auch Walter Felsenstein als Dozenten einbezog. Das war ihre einzige Partizipation an der Festspielleitung, und das Geld wurde ihr schließlich von Wolfgang gestrichen. Heute sei diese Form, junge Musiker zu unterrichten, gang und gäbe, so Daphne weiter. Friedelind sei innovativ und zukunftsgewandt gewesen mit diesen Ideen, habe aber dafür sehr viel Herabsetzung und schließlich den Ausschluss hinnehmen müssen. Eva Rieger wurde von Gottfried Wagner, dem Sohn Wolfgang Wagners und Cousin der drei erschienenen Wagner-Damen, zu der Biografie angeregt. Als Erste überhaupt erhielt sie Zugang zu dem Nachlass Friedelinds.

„Friedelind Wagner. Die rebellische Enkelin Richard Wagners“, erschienen im Piper-Verlag, ist eine klarlinige und faktenreiche Darstellung dieses Lebens geworden, das zwischen Politik und Freundschaft, Loyalität und Außenseitertum, Privilegien und Verarmung spannende politische, kulturelle und Frauen-Geschichte Deutschlands nachzeichnet.

Bliebe nachzutragen, dass die anderen Nichten Friedelinds nicht erschienen waren, die Töchter von Wolfgang Wagner, Eva und Katharina, die Bayreuther Festspielleiterinnen. Wie um ein weiteres Mal das schlechte Verhältnis zwischen den Kindern Wieland und Wolfgang Wagners zu bestätigen. Das Festival geht am 28. August zu Ende – das Ringen um eine Aufarbeitung der ganzen Festspielhistorie dauert an. Gerade wurde die von der Stadt eingeladene Ausstellung „Verstummte Stimmen“ über verschleppte und ermordete Mitwirkende der Festspiele aus der NS-Zeit, die auf dem Grünen Hügel gezeigt wird, bis Ende 2013 verlängert. Sabine Zurmühl

Eva Rieger: Friedelind Wagner. Die rebellische Enkelin Richard Wagners. Piper Verlag, München Zürich 2012. 504 S., 24,99 €

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