Kultur : Mut und Wut

Zum 60. Geburtstag: ein Hörbuch erinnert an Jürgen Fuchs

Hannes Schwenger

Was ist das Ende einer Feigheit? Widerspruch? Eine mutige Tat? Jürgen Fuchs hat es an beidem nicht fehlen lassen. Die FDJ-Leitung an der Universität Jena hat ihm das 1975 sogar schriftlich gegeben: „Die FDJ-Leitung stimmt der von der Grundorganisation der SED an der Sektion Psychologie erarbeiteten Einschätzung zu, in der seine Handlungen und schriftstellerischen Äußerungen als feindselige Angriffe gegen Grundlagen unserer sozialistischen Gesellschaft in der DDR, gegen sozialistische Staatsorgane und gegen die Partei der Arbeiterklasse gewertet werden.“ Die Folge: Ausschluss, Exmatrikulation, Verweigerung der Abschlussprüfung nach der bereits mit „sehr gut“ bewerteten Diplomarbeit.

Und das war nur der Anfang: Als Jürgen Fuchs ein Jahr später die Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns verbreitete, wurde er aus dem Auto Robert Havemanns heraus verhaftet und nach neun Monaten Haft in Hohenschönhausen nach West-Berlin abgeschoben. Literaturfunktionäre der DDR leugneten auf Nachfragen westlicher Autoren, Fuchs als Schriftsteller zu kennen, obwohl er bereits 1974 in einer Anthologie des DDR-Verlags Neues Leben gedruckt worden war. Natürlich war daran nicht mehr zu denken, nachdem noch während seiner Haft sein erstes Buch „Gedächtnisprotokolle“ im Hamburger Rowohlt Verlag erschienen war. Nach seiner Abschiebung und Wahl in den Vorstand des West-Berliner Schriftstellerverbands galt er der Stasi als literarischer Staatsfeind Nr. 1, der noch im Westen mit „Zersetzungsmaßnahmen“ verfolgt wurde. Dass er noch in der Stasi-Haft radioaktiv verstrahlt wurde, ist bereits vor seinem frühen Tod an Leukämie 1999 vermutet, aber auch seither nicht nachgewiesen worden. Den Tod auf den Hals geschrieben haben ihm dafür zwei verirrte West-Linke, Wiglaf Droste und Gerhard Henschel in einem unsäglichen PolitKrimi von 1996.

Umso erwähnenswerter ist ein Titel von Jürgen Fuchs, den er 1988 für einen Roman wählte und der jetzt über einer Hörbuch-Werksanthologie zu seinem 60. Geburtstag am heutigen Sonntag wiederkehrt: Lyrik und Prosa, von ihm selbst gelesen, mit einer Einführung von Herta Müller und einem Lied von Wolf Biermann auf den toten Freund. Es sind Gedichte und Auszüge aus seinen inzwischen vergriffenen „Tagesnotizen“ (1979) und seinen Armeeromanen „Pappkameraden“ (1981) und „Das Ende einer Feigheit“ (1988), ergänzt um ein Rundfunkgespräch mit dem RIAS-Redakteur Hans-Georg Soldat. Die Beigaben tun dem Hörbuch gut, denn der sezierende, distanzierte Tonfall der Autors allein – der übrigens auch Herta Müller eignet und als Abwehrreaktion gegen die Persönlichkeitseingriffe von Militär und Staatssicherheit spürbar wird – wirkt in der akustischen Abstraktion fast monoton, während er beim persönlichen Vortrag durch Mimik und personale Aura sehr eindringlich sein konnte.

Man muss den lebenden Jürgen Fuchs erlebt haben, um die fast forensische Bestimmtheit und Intensität seiner Sprache nachzuempfinden, mit der er nicht nur den Inquisitoren der Staatssicherheit Paroli bieten konnte. Mir selbst hat es einmal die Sprache verschlagen, als er mich vom Podium einer Autorenversammlung nach einer in der hintersten Reihe versäumten Abstimmung direkt ansprach, ob ich nicht mitgestimmt hätte. Hatte mir etwa der Mut zur Entscheidung gefehlt?

Ihm nie. Nicht zufällig hat er sich selbst auf Wolfgang Borchert und dessen Figur des Heimkehrers Beckmann berufen, der vergebens nach Antwort sucht und Verantwortung einfordert. Borchert nannte sein Drama im Untertitel ein Stück, „das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“. Das Gegenteil war der Fall. Vielleicht ist in Borcherts Sinn auch das Hörbuch von Jürgen Fuchs ein Buch, „das keiner hören will“ und gerade deshalb gültig bleibt. Das bleibt umso mehr zu wünschen, als seine übrigen Bücher nicht wieder aufgelegt wurden. Wird Zeit, daß wir zuhören.

Jürgen Fuchs: Das Ende einer Feigheit. Hörbuch Hamburg.

2 CDs, 14,95 €.

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