Kultur : Mut zur Brücke

Eine ÜBERQUERUNG von Christiane Peitz

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Die Schlammgeborene möchte man sie nennen, Santiago Calatravas Brücke über den Canal Grande. Wenn da nicht die Sache mit den LKWs wäre. Zwischen Bahnhof und dem Piazzale Roma sollte die Brücke ihren Bogen spannen, 94 schöne Meter lang, Venedigs Bürgermeister war begeistert, selbst die Verdreifachung der Kosten auf zehn Millionen Euro hatte die Euphorie bislang nicht gedämpft. Aber nein: Über diese Brücke muss wohl doch keiner gehen, denn sie ist zu schwer für die schlammigen Ufer. Ihr Gewicht, so die Experten, entspräche dem Aufprall von 75 schwer beladenen LKWs, und – schluck! – die Lagunenstadt würde noch schneller versinken.

Calatravas Brücke sollte am 15. Juli eingeweiht werden, dem „Fest des Erlösers“. Nun hilft nur noch ein Wunder – oder der Papst. Jawohl, der Papst, vulgo: Pontifex Maximus, oberster Brückenbauer, Himmelsstürmer, Distanzüberwinder, Schwerkraftaufheber...

Denn die Brücke an sich hat Hilfe von oben verdient. Kühn geschwungen und solide gestützt verwirklicht sie den uralten Menschheitstraum vom kürzestmöglichen Weg. Drum prüfe, wer sich ewig (ver-)bindet, ob via Hänge-, Bogen-, Balken-, Klapp-, Hub-, Dreh-, Schwimm- oder eben Calatrava-Brücke. Manchmal ächzt sie unter der Last ihrer symbolischen Bedeutung für Friedensbestrebungen jedweder Art und die Lösung schwerwiegender (!) Probleme.

Stichwort Waldschlößchenbrücke: Die Dresdner können ein Lied davon singen, was es heißt, wenn die Brücke selbst zum Problem wird. Vielleicht sollten sie sich ja mit den Venezianern zusammentun und dem Pontifex einen Serienauftrag erteilen: für Welterbe-kompatible Leichtbauweisheiten, über die problemlos 75 Laster donnern können. Andernfalls droht der Serenissima der Eintrag ins Guinessbuch der einstürzenden Brückenbauten. Die Brücke von Angers brach am 16. April 1850 wegen der Resonanz infolge des Gleichschritts marschierender Soldaten zusammen. Und die Tacoma-Narrows-Brücke in Washington, USA wegen „aerodynamisch ungünstiger Gestaltung bei niedriger Steifigkeit“, was zu „zerstörerischer selbsterregter Schwingung“ führte. Wie man sowas vermeidet, weiß der Papst allemal.

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