Kultur : Mut zur Neugier in der Schule

Der Umzug in das Haus der verstorbenen Großmutter ist für den 14-jährigen Tom einer unter vielen.

Ulrich Karger

Er ändert nichts daran, dass er von seinem Vater nichts wissen will und dass seine Mutter schon wieder auf der Suche nach einem neuen Liebhaber ist. Ebenso wenig ändert er etwas am Verhältnis zu seinen beiden Halbgeschwistern, die wie er jeweils einen anderen Vater haben und auf einem völlig anderen Stern zu leben scheinen. Aber dann lernt Tom seinen Nachbarn kennen, einen alten schwerkranken Deutschen, der auch seine Großmutter sehr gut kannte.

Der preisgekrönte schwedische Autor Mats Wahl legt mit „Du musst die Wahrheit sagen“ einen von der ersten Seite an mitreißenden Jugendroman vor. Nichts wird durch abmildernde Rückschauen aufgeweicht, die Ereignisse werden vielmehr eng aus der „gegenwärtigen“ Perspektive Toms erzählt.

Er ist als Bester seiner vormaligen Schule im Schwimmen durchaus sportlich und in Schulfächern wie Mathematik erbringt er mühelos die geforderten Leistungen. Doch er macht kein Gewese darum, wie er überhaupt nur redet, wenn er direkt angesprochen wird. Dann allerdings kommen seine Ansagen kurz und knapp und ohne Rücksicht auf Verluste. In Umkehrung vieler anderer Jugendromanhelden sieht sich Tom als Teil einer verschwindenden Minderheit wissbegieriger Jugendlicher, die sich dafür vor den die Unterrichtsstunden konsequent sabotierenden Mitschülern zu rechtfertigen haben. Toms Sprachlosigkeit wird bei ihm wegen fehlender, ihn ernst nehmender Adressaten zur Überlebensstrategie.

Doch diese Strategie geht nicht auf. In der Schule wie auch zu Hause, wo sich seine Schwester alsbald den Nachstellungen des Liebhabers seiner Mutter erwehren muss, setzt er schließlich wie die anderen auf körperliche Gewalt. Durch den Nachbarn wie auch die anwachsende Gruppe Neonazis in der Schule erhält die Geschichte Toms zudem einen sich unmittelbar auswirkenden politisch-historischen Kontext.

Das Ende des Romans ist zwar nicht hoffnungslos, aber in seiner Abruptheit von einer spröden Lakonie, die einen den Roman nicht so leicht und schnell abhaken lässt. Das Vorzeige-Pisa-Bild skandinavischer Schulbildung wird jedenfalls nach der Lektüre um einiges relativiert sein. Ulrich Karger





Mats Wahl: Du musst die Wahrheit sagen. Roman. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Hanser Verlag, München 2011. 233 Seiten. 13,90 Euro. Ab 14 Jahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar