Kultur : Mut zur Tücke

Warming up: Künstler bespielen die neue Akademie am Pariser Platz

Nicola Kuhn

Erst nach und nach sind die Worte zu verstehen, die da rhythmisch geflüstert, gebrummt, gesäuselt werden: „Get out of my mind, get out of this room.“ Verdutzt verlässt der Besucher den weißen Kubus wieder, aus dessen Wänden diese zunehmend aggressive Ansage schwillt. Das scheint denn doch eine befremdliche Einladung, mit der die Akademie der Künste ihre ersten Besucher am Pariser Platz begrüßt. Bruce Naumans Soundinstallation gehört zu den zwölf Werken, mit denen seit gestern die bildenden Künstler das neue Gebäude bespielen – als „Prolog“, so auch der Ausstellungstitel, denn erst in sieben Wochen wird der Bau offiziell seiner Bestimmung übergeben.

Man kennt das aus anderen Zusammenhängen: Künstler sollen ein neues Haus, ein neues Quartier „warm“wohnen – als Vorboten für einen urbanen Stimmungswandel. In der Akademie gehören sie jedoch selbst zum Inventar; die neuen Räumlichkeiten mit eigenen Werken anzuempfehlen, ist also edelste Pflicht. Doch wie Künstler nun mal sind, verhübschen sie nicht oder machen es wenigstens gemütlich, sondern steuern geradewegs zu auf die Ecken und Kanten, die Brüche und Sprünge. Und davon gibt es genug am Pariser Platz, wo Günther Behnisch und Werner Durth Altes und Neues ambitioniert zusammenbringen, Beton und Glas virtuos kombinieren, wo hohe Erwartungen und die Niederungen finanzieller Machbarkeit kollidieren.

Ein Memento mori dieser Widersprüchlichkeiten schuf Ivan Kafka mit seiner 50 Meter langen „Linie des Gedächtnisses“, bestehend aus 20 Tonnen zerschredderter Akten. Ballen an Ballen reihen sich die zusammengepressten Papierfetzen entlang der luftigen Passage, die vom Akademie-Entree quer durch den Bau zum „Adlon-Palais“ führt. Eigentlich sollte dort das Akademie-Archiv stehen. Stattdessen verkaufte der Senat das Gelände in der Hoffnung auf Gewinn, verlegte die Archivräume unter die Erde, wo Schimmel und Rechnungen in die Höhe zu schießen begannen. So liest sich auch Heike Baranowskys Videoprojektion in der „Black Box“ auf unterster Ebene wie ein Kommentar auf die Unbilden des Akademie-Neubaus. Für die technische Einrichtung des Kinosaals fehlte prompt das Geld, bislang befindet sich hier nur blanker Beton. Die nun auf einer provisorischen Leinwand hin und her jagenden Starenschwärme verkörpern geradezu das Unstete, die scheinbare Ziellosigkeit der vergangenen Planungen. Laut Künstlerin gewähren diese gigantischen Ansammlungen vor allem Schutz vor Raubvögeln und gegenseitige Wärme. Etwa auch das ein Kommentar, diesmal auf die Mitglieder der Akademie?

Der von Matthias Flügge, Robert Kudielka und Angela Lammert klug und spannungsreich eingerichtete „Prolog“ gibt nicht nur eine Ahnung von den Tücken des Gebäudes, sondern auch der künftigen Gestaltung. Das lichte Gebäude am prominenten Platz fordert heraus zu einer neuen Offenheit. Offen gegenüber einer jungen Kunst wie Olafur Eliassons wunderbarer Installation „Blue versus Yellow“, in der sich die beiden Farben als Lichtscheiben übereinander schieben und Violett, Rot, Schwarz, Weiß zum Vorschein bringen, ein artifiziell inszeniertes Naturphänomen, voll „akademischer“ Assoziationen. Offen aber auch gegenüber historischen Untergründigkeiten, wie sie Christina Kubisch in ihrer Soundinstallation anklingen lässt. Sie schickt den Besucher mit Kopfhörern in den Keller, wo er mit jeder Bewegung auf neue elektromagnetische Frequenzen trifft. Er hört den Klang der Metropolen, das hektische Fiepen Tokios, das akustische Staccato von Madrid und Paris. Zugleich stößt er wieder an Schranken, an denen die Künstler so gerne rütteln. Ursprünglich sollte Kubischs kakophonische Geräuschkulisse vor Wandmalereien der Fünfzigerjahre aufbranden, die von Meisterschülern der Ost-Akademie stammen. Für die Restaurierung fehlte das Geld, so dass der Besucher nur bis zum Vorraum gelangt, wo er auf unverputztes Gemäuer starrt.

Ähnlich wie sich Bruce Naumans wütende Vertreibung hartnäckig im Kopf verhakt, gelingt es auch diesen Arbeiten, das sich am liebsten selbst genügende Gebäude zu erobern. Den Solo-Part hat die Architektur nun ausgespielt. Von wegen „Geh mir aus dem Sinn, verlasse diesen Raum“. Jetzt erst recht, raunt die Kunst zurück.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, bis 4.6. (geschlossen zwischen dem 9. und 26.5.), 14-20 Uhr.

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