Kultur : Mut zur Wut

Berlin diskutiert: die Agora im Radialsystem

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Der Ort: Das Radialsystem, eine Terrasse hoch über der Spree, bisher nur sporadisch für Veranstaltungen genutzt. Sie ist überdacht, aber an den Seiten offen, luftdurchzogen, grenzenlos. Eine Einladung zur Bedeutungszuschreibung. Und damit hervorragend geeignet für die Berlin Agora, die hier am Montag Nachmittag eröffnet wurde. „Agora“, das war im antiken Griechenland der Marktplatz, aber auch der politische Versammlungsort, und genau das soll hier nach dem Wunsch der Radialystem-Macher Folkert Uhde und Jochen Sandig wieder entstehen: ein Marktplatz der Ideen, auf dem Bürger bis zur Abgeordnetenhauswahl soziale und politische Fragen diskutieren können, die ihnen unter den Nägeln brennen, ein temporärer Versammlungsort mit Brennglaseffekt. In den nächsten Wochen stehen etwa die Zukunft der Köpenicker Straße, gesundes Essen in den Schulen oder die Aktion „Bitte jetzt lächeln“ im Nahverkehr auf der Agenda.

Zur Eröffnung gestalten Berliner Schüler eine Performance. Der Regierende ist ein Mädchen, „Claudia Wowereit“ hat Bürgersprechstunde und wird mit Fragen überschüttet: Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Wasser zu privatisieren? Warum werden die Heizstrahler nicht abgeschafft? Warum gibt es den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg? Claudia: „Ihr habt ja recht – aber was hättet Ihr gemacht?“ Und reicht die Fragen ans Publikum weiter: Was hätten Sie gemacht?

„Es hat keinen Sinn, nur auf den Regierenden zu schimpfen“, sagt Jochen Sandig. „Das ist nur der erste Schritt. Der zweite ist: Was können wir zur Problemlösung beitragen?“ Die Agora wendet sich nicht an den Bürgermeister (der gleichwohl eingeladen ist), sondern an den „Meisterbürger“ – Menschen, die sich interessieren, die Experten auf einem Gebiet sind, denen es aber nie in den Sinn kommen würde, in die Politik zu gehen. Damit reiten Uhde und Sandig auch auf der Wutbürger-Welle, in deren Gefolge sich zur Zeit viele politisch einbringen wollen. Zugleich erweitern sie den Wirkungskreis des Radialsystems, das bisher vor allem als Ort des Hörens, als innovativer Konzertsaal, wahrgenommen wird, weniger als Ort des Sprechens und der Debatte. Der Slogan des Hauses heißt jetzt „Space for Arts and Ideas“. Jochen Sandig formuliert es so: „Musik ist, wie alle Kunst, ein Verbindungsthema. Wir sind an der Spree, alles ist im Fluss.“

Die Berlin Agora soll bis zur Abgeordnetenhauswahl am 18. September andauern, bei Erfolg wird sie wohl verlängert. Dann aber nicht mehr auf der Terrasse. Die ist im Winter dann doch etwas zu luftdurchzogen. Udo Badelt

Berlin Agora im Radialsystem V, Holzmarktstraße 33, bis 18.9. Auf www.berlin-agora.de kann jeder Vorschläge für eigene Veranstaltungen machen.

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