Kultur : Mutter aller Galerien

PETER HERBSTREUTH

Als die Dahlemer Gemäldegalerie sich noch mit dem ethnographischen Museum verband, konnte man sich verirren.Es gab keine klaren Parcours.Man verzettelte sich und konnte unsystematische Verbindungen knüpfen.Die neuerliche Konzentration der Werke bedeutet ein Gewinn an linearer Klarheit und zugleich ein Verlust in der Kunst des Verirrens.

Architektonisch sind Gemäldegalerien seit langem ebenso ein Sonderfall des Museumsbaus wie die Fokussierung des Sammlungsbestands.Einst waren sie gegenüber der Außenwelt weniger abgeschottet als heute.Inzwischen sind sie zu komfortablen Quarantänestationen geworden.Ihre Sammlungen gehören nicht mehr zur Alltagswelt.Auch die Gesetze der Natur sind außer Kraft gesetzt.Es gibt gleichmäßiges Licht mit vorgeschriebener Lux-Zahl, gleichbleibende Temperatur, Feuchtigkeitskontrolle, Staubfilter gegen Luftverschmutzung, gedämpfte Akustik.

Die Königin der Gemäldegalerien, die Uffizien von Florenz, avancierten architektonisch zum Vorbild und im Bestand zum Prädikat "unschätzbar".An Vasaris Gebäude orientierten sich noch Schinkels Abweichungen für das Alte Museum in Berlin und Klenzes Alte Pinakothek in München.Wenn man dessen Grundriß verdoppelt, zeigt sich die neue Gemäldegalerie von Hilmer und Sattler, die sich im Grundriß wieder den Uffizien nähert.Technisch gleicht sie aber einer Raumstation mit so monotonem Licht, daß die beiden Architekten immer dort, wo keine Bilder hängen, ein Gegenlicht verordneten.Auf diese Weise geben sie eine Antwort auf die Loggia und den Innenhof der Uffizien, die die gleiche Funktion hatten.

Die U-förmigen Uffizien wurden als Verwaltungsgebäude geplant.Der Nachfolger des Bauherrn öffnete 1581 den oberen Bogengang als Bildergalerie - offenbar zu seinem persönlichen Vergnügen.Es gab einen direkten Zugang von den Uffizien zum Regierungspalast.Das Gebäude beherbergte damals ein Theater, war mit medizinischen Laboratorien, Destillerien für Düfte, Werkstätten für Mosaiken, Schmuck und Metallarbeiten eine Produktionsstätte.Im Zentrum stand die Tribuna, ein achteckiger Saal, der alle Künste in einer Wunderkammer konzentrierte: Malerei, Medaillen, Bronzen, Edelsteine, Waffen, Bücher, Landkarten, Souvenirs, Geschenke von Reisenden und in deren Mitte das "Studiolo", ein achteckiges Möbel mit Schubfächern, in denen Raritäten lagerten.In diesem geordneten Durcheinander nahm die Leidenschaft des Sammelns und Forschens ihren Anfang.

Francescos Vorgänger, Cosimo I.de Medici, hatte im Regierungspalast von Vasari direkt neben den Sitzungssaal einen Raum bauen lassen, der wie eine große Truhe gewölbt und ringsum mit Schränken versehen war.Fensterlos und zu längerem Aufenthalt nicht geeignet, lagerten auch in diesem Raum Raritäten und Repräsentationsgegenstände.Die Königin der Gemäldegalerien hatte die ungeordneten Wunder der Welt im "Studiolo" zum Studium bewahrt.

In Venedig begann man Anfang des 17.Jahrhunderts nicht mehr Galerien, sondern Studienzimmer mit Gemälden, Bronzen, Medaillien als wesentlichen Teil des Hauses einzurichten.Doch hundert Jahre später verliert sich die Spur.Die humanistisch gebildeten Auftraggeber, die diesen Raumtypus förderten, herrschten durch Teilung der Sammlungen.Die Architekten entwickelten diesen Raumtypus des "Studiolo" nicht mehr weiter, der die Vielfalt der Welt umarmte.Wo einst im Zentrum das wohlgeordnete Chaos herrschte, befindet sich dafür im jüngsten Sproß der Uffizien, in der Berliner Gemäldegalerie, die gigantische Pfeilerhalle mit ihrer wohlgeordneten Leere.

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