Kultur : Mutter ist die Bestie

Attila Bartis und sein Roman „Die Ruhe“

Jörg Plath

Die Mutter ist tot und der Sohn, ein Schriftsteller, weder traurig noch froh. Obwohl schon Mitte dreißig, hat Andor immer zu Hause gelebt. Jetzt ist er allein, mutterseelenallein, und erinnert sich an sein Leben im Schatten der eben Beigesetzten. Er sorgte für sie und wünschte ihr zugleich den Tod. Er siezte sie ehrerbietig und log sie beständig an. Ein Überlebender rekapituliert eine Mutter-Sohn-Hölle: Das ist „Die Ruhe“, der zweite auf Deutsch erschienene Roman des 1968 im rumänischen Siebenbürgen geborenen Ungarn Attila Bartis.

Einmal, vor 15 Jahren, wollte der Sohn ausziehen, doch seine Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch, weil ihre Karriere als Theaterschauspielerin zu einem plötzlichen Ende gekommen war. Die Kommunisten hatten Rebeca Weér mit ihrer Tochter Judit erpresst, die in das „kapitalistische Ausland“ geflohen war und unter keinen Umständen zur verhassten Mutter zurückkehren wollte. Wutentbrannt lässt die Mutter alle Hinterlassenschaften Judits beisetzen, als sei es die Tochter selbst, doch das symbolische Begräbnis erfüllt die Machthaber mit Abscheu: Der Theaterdirektor spuckt die schöne Rebeca Weér an. Der Sohn tröstet sie, sie schläft mit ihm und verlässt die Wohnung fortan nicht mehr. Ein Schreckensregiment beginnt, und er fügt sich, anders als seine Schwester. Manchmal, jedoch nie zu Haus, bricht es aus ihm heraus: „deine Titten sind salzig, du Schlampe“. Schon der Säugling musste leiden, weil die Mutter mit Salz für die Schönheit ihrer Brüste sorgte.

Nur im Schreiben begehrt er auf, „denn wenn wir uns nicht zuzuschlagen trauen, denken wir gern ans Schreiben wie an die Peitsche oder den Ochsenziemer.“ Die Ergebnisse seiner stillen Rebellion legt er auf den Schreibtisch, wenn er die Wohnung verlässt, damit seine Mutter sie heimlich lesen kann. Nur eine einzige Geschichte wird in dürren Worten wiedergegeben. In ihr rottet ein Pfarrer mit vergifteten Hostien seine ganze Gemeinde aus.

„Die Ruhe“ ist eine ungarische Variante von Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“, die klaustrophobische Enge des Romans erinnert auch an Werke von Hermann Ungar, Kafkas Zeitgenossen und Landsmann. Vor allem aber will „Die Ruhe“ auch noch die Zurichtung des Menschen durch den Realsozialismus belegen. Ähnlich wie der Slowake Jiri Kratochvil mit seinem eben auf Deutsch erschienenen Buch „Der traurige Gott“ greift Attila Bartis dafür auf die Familie zurück. Doch obwohl der Sohn weiter schreibt, obwohl seine wichtigste Adressatin tot ist – befreit ist er nicht und darf es nicht sein. Die opulent ausgemalten Pulp-Fiction-Szenen nehmen eher zu.

Dass sich Attila Bartis für den Sohn als Ich-Erzähler entschieden hat, lässt den Roman zu einem beängstigenden Kammerspiel der Selbstzerstörung werden. Doch die Erzählperspektive und die „tiefe Beziehung“ zwischen Mutter und Sohn bringen es mit sich, dass die wenigen anderen Personen undeutlich bleiben: ein Priester, der so verständnisvoll wie sinister wirkt; die Lektorin des Sohnes, die eine Doppelgängerin seiner Mutter ist und von ihm nach Herzenslust vergewaltigt wird; die Geliebte Eszter, deren Seelennöte mühelos für einen zweiten Roman gereicht hätten.

Attila Bartis: Die Ruhe. Roman. Aus dem Ungarischen von Agnes Relle. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2005. 300 Seiten, 22,80 €. – Der Autor liest heute um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus.

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