Kultur : Muttern und Söhne

Sybill Mahlke

Das kurze Stück zum langen Abschied hat Harry Kupfer, dem scheidenden Chefregisseur der Komischen Oper, noch einmal vertraute Anerkennung eingebracht: einen Berliner Bären gleichsam für sein Lebenswerk. Dass mit Benjamin Brittens "Turn of the Screw" das Ende einer 21-jährigen Ära bescheidener ausfällt als der vitale Aufbruch mit den "Meistersingern" 1981, ist kein unwürdig schwacher Abgang. Eher der Versuch, angesichts der beklagenswerten Finanzlage der Berliner Theater dem Haus die Tore für seine Neuzeit offen zu halten. Chefregisseur Harry Kupfer: Auch wenn der Glanz seiner Inszenierungen in den letzten Jahren verschattet war, verschwindet aus der Musikstadt Berlin eine Farbe, die sie leuchtend mitbelebt hat. Der Beifall für die letzte Inszenierung an diesem Ort hat mit künstlerisch erworbener Treue zu tun.

Verbotene Spiele, erschreckende Unschuld. Die jüngste Tochter eines Landpfarrers wird von einem blendenden Junggesellen, in den sie sich spontan verliebt, als Erzieherin zweier elternloser Kinder angestellt. Sie sieht ihren Auftraggeber nie wieder, weil seine Hauptbedingung lautet, dass sie ihn auf keinen Fall mit Fragen beschweren, mit Problemen oder Bitten behelligen solle. Entschlossen, für diesen Mann ihre Pflichten freudig zu erfüllen, reist sie auf das abgelegene englische Landgut Bly, wo sie die beiden Waisen mit der zupackenden Haushälterin Mrs. Grose antrifft. Die empfindsame junge Frau, namenlos "Die Gouvernante" genannt, ist zunächst entzückt von ihren Schutzbefohlenen Miles und Flora, deren engelhafte Schönheit einen überzogenen Hingabeeifer in ihr weckt.

So nimmt die "Geistergeschichte" von Henry James ihren Lauf, "The Turn of the Screw", in neuer deutscher Übersetzung von Karl Ludwig Nicol "Das Durchdrehen der Schraube", früher (1954) zwiespältig "Die sündigen Engel" genannt.

Aus diesem Buch hat Benjamin Britten eine geheimnisvoll luzide Kammeroper gemacht und sie 1957 im Berliner Hebbel-Theater bei einem Gastspiel der English Opera Group selbst dirigiert. Die Aufführung muss den paradoxen Zauber eines kleinen Events ausgestrahlt haben, als die offiziöse Neue Musik andere Wege suchte. Benjamin Brittens Zeit wird wiederkommen, eine Renaissance seiner Werke auch hierzulande deutet sich bereits an.

Dass Peter Pears, der legendäre Freund des Komponisten, damals die Tenorrolle des Quint "in den lockenden Glanz einer konzertanten Virtuosität holte", wie im Tagesspiegel zu lesen war, führt auf den Pfad der Handlung zurück. Denn für die Gouvernante entpuppt sich ihr neues Zuhause, nicht unähnlich anderen englischen Landsitzen im Nebel, als ein Gespensterhaus. Mysteriöse Erscheinungen - eine männliche Gestalt auf dem Turm, eine weibliche jenseits des Sees - identifiziert sie sehr bald mit dem Diener Peter Quint und ihrer eigenen Vorgängerin Miss Jessel. Beide hatten ein Verhältnis miteinander, und beide sind in Bly ums Leben gekommen. Was für Mrs. Grose, Prototyp einer resoluten englischen Haushälterin, schwerer wiegt, sind gewisse "Vorkommnisse", stundenlanges abgeschiedenes Beisammensein Quints mit dem Knaben Miles vor allem. Über Homosexualität spricht man nicht, aber der Leser / Zuschauer spürt, dass der Diener ein tiefes Gefühl in dem Jungen hinterlassen haben muss.

Gespenster bedeuten "Verlockung". In der Oper heißt das, den stummen Gestalten der Novelle Stimmen zu geben. Daher die verführerischen Sirenenmelismen des Quint, das Duettieren des Geisterpaares in Anwesenheit der Kinder. Es wird nicht verraten, ob die Untoten verborgene Neigungen der Lebenden darstellen, der puritanischen Gouvernante wie ihrer kleinen Zöglinge. Das Blendwerk des Bösen tötet den Knaben in den Armen seiner naiven "Seelenretterin". Und das Traumbild erlischt, als Miles es beim Namen Quint nennt. Sein wunderschön trauriges "Malo"-Lied aber, in dem Brittens Kunst, für ein Kind zu schreiben, fasziniert, bleibt nun auf den Lippen der Erzieherin zurück.

Welche Macht die Wiedergänger über die Kinder ausüben, entdeckt die Inszenierung Harry Kupfers in deren makabren Spielen: Aufmüpfigkeit, Tauben erschießen im Park, unbekümmerter Umgang mit den Tierleichen, religiöse Bräuche mit kleinen Särgen und Kreuzen in schwarzer Umkehrung. Dieses Grauen integrieren die Kinder in ihre vermeintlich heile Welt, so dass es den Erwachsenen Angst einflößen muss. Zumal der Gouverante in ihrer "Unschuld des Nichtwissens", wie der Dramaturg Joachim Großkreutz im Programmheft ausführt. "Jeux interdits", der Kinderfilm für Erwachsene von René Clément, ist in diesem Regieansatz nicht fern. Während in dem ausgesparten Kammerorchester unter der kundigen Führung Matthias Foremnys die Vögel singen, sterben sie auf der Szene in den Händen der spielenden Kleinen.

Die Bühne Frank Philipp Schlößmanns stellt die Schraube des Werktitels dar, das bedeutet, dass sie - entsprechend Kupfers Liebe zur Drehbühne - legitim rotieren darf. Trotzdem repräsentiert sie auch die Enge, in der seelische Einsamkeit zu Hause ist, mit hohen Türen und den Requisiten einer realen Welt: Petroleumlampe, Kinderbett, Reisekoffer. Spuken bei Henry James die schweigenden Geisterbilder in der Weite der Natur, so durchqueren sie im Theater die Räume des Landhauses, um die Lebenden abstoßend anzuziehen.

Andreas Conrads Quint wirkt dabei eher solide, als dass er mit Dämonie ausgestattet wäre und dem Stimmschmelz des säuselnden Verführers. Die größte Anerkennung verdient sich, neben Philipp Mosch von den fabulösen Tölzer Knaben, Gun-Brit Barkmin mit jungem klaren Sopran in der Rolle der Gouvernante. Mit hoffnungsvoller Frühbegabung ist Anna Prohaska als eine Flora von wilder Halbwüchsigkeit die vierte im Frauenquartett, darin ferner Beatrice Niehoff als robuste Mrs. Grose und Hanna Dóra Sturludóttir als feenhafte Miss Jessel. Da die kleine Besetzung in den viktorianischen Kostümen (Yan Tax) ebenso wie die herausgeforderten Orchestersolisten der Komischen Oper engagiert bei der Sache sind, ist die Aufführung Neugierigen zu empfehlen, die Brittens Werk, das demnächst auch an der Oper Frankfurt (Main) herauskommen wird, näher kennen lernen möchten. Gespenster haben ohnehin wieder Konjunktur, da im Kino das junge Hollywood "The Others" in ein ähnlich altmeisterliches Ambiente versetzt hat wie das Musiktheater.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben