Kultur : Mutterschwund

PANORAMA „4:30“ von Royston Tan

Julian Hanich

Ein Mann liegt in der Badewanne. Die Tür geht auf. Ein Junge tritt ein. Er geht zur Toilette neben der Wanne und beginnt zu pinkeln. Den Mann kümmert das nicht. Der Junge dreht sich zur Seite und pinkelt in die Wanne. Der Mann staunt. Eine andere Szene: Der Mann steigt auf einen Stuhl mit Strick um den Hals. Er lässt sich fallen. Die Verstrebung, an der das Seil hängt, bricht aus der Decke. Verdammt!

Diese Szenen sind charakteristisch für „4:30“ – wortkarger Humor und stille Traurigkeit liegen nah beisammen. Es ist eine schwermütige Komödie. Eine Meditation über die witzigen Seiten des Trübsinns und der Einsamkeit. Meist spielt der Film um 4.30 Uhr nachts – die Zeit, in der die meisten Selbstmorde verübt werden, sagt Regisseur Royston Tan.

Der Junge – schlaflos, rastlos, einsam – streunt durch die Wohnung, irgendwo im Nirgendwo von Singapur. Er surft auf einem Bügelbrett durchs Zimmer, zermalmt Zigaretten, schlürft Hustensaft. In der Schule muckt er auf. Nachts lümmelt er vor dem Fernseher. Seine Mutter ist weit weg, in China. Der Mann, Anfang 30, ist sein Mitbewohner. Er hat seine Frau verloren. Meist kommt er spät nach Hause, oft betrunken. Dann kotzt er auf die Nachttischlampe oder versucht, sich umzubringen. Zwei einsame Seelen. Zwei, die sich finden könnten.

Der Stil des Films wäre mit Worten wie „sparsam“ und „streng“ noch zu überschwänglich beschrieben. Der 29-jährige Filmemacher, eine der großen Regiehoffnungen Singapurs, wagt die pure Reduktion. Dabei folgt er den Spuren eines ganz Großen: des Japaners Yasujiro Ozu. Häufig sind die Einstellungen symmetrisch komponiert, die Kamera schaut frontal aufs Geschehen. Bewegung gibt es kaum: Schwenks und Zooms werden zu Action-Szenen. Stummfilme mit ihren Zwischentiteln sind redselig im Vergleich zu diesem schweigsamen Nachtstück mit Grünstich. Und dennoch: Wer Royston Tans Nocturne sieht, rutscht nicht unruhig auf dem Sitz herum. Die Lakonie des Films packt. Sie ist die angemessene Form für dieses Thema. Was wäre schon ein schnell geschnittener Videoclip über Verlassenheit und Verlust?

Heute 20 Uhr (Cinemaxx 7), 13. 2., 13 Uhr (Cinestar 3), 14. 2., 18 Uhr (Cinestar 3), 19. 2., 11 Uhr (Zoo-Palast)

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