Kultur : Mutti, du hast doch Ferien! Wie jeden Tag!

Ungewöhnliche Liebes- und Familiengeschichten: Zum 13. Mal wird in Berlin der Nachwuchsfilmpreis „First Steps“ verliehen.

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Letzte Rolle. Susanne Lothar (li.) in
Letzte Rolle. Susanne Lothar (li.) in

Zwischen cremefarbener Couchgarnitur, dunkelbraunen Einbauschränken und gerüschten Tagesdecken lebt Sven – dicke Brille, beachtlicher Körperumfang, um die fünfzig – in einem Berliner Plattenbau zusammen mit seiner dementen Mutter Edeltraut. Jeden Morgen springt sie mit einem „Schon so spät, ich muss doch zur Arbeit!“ aus dem Bett, das sie sich mit dem Sohn teilt, und eilt im Schlafanzug zum Aufzug. Bis Sven sie zurückholt: „Mutti, du hast doch Ferien. Wie jeden Tag.“

Wer nun einen Film über Demenz und alte Menschen erwartet, täuscht sich. Stattdessen bahnt sich eine Liebesgeschichte zwischen Sven (Heiko Pinkowski) und Daniel (Peter Trabner) an, dem Altenpfleger, der sich um Edeltraut kümmert. Wie gehen diese beiden wuchtigen Männer mit ihren zarten Gefühlen um? Dass Daniel verheiratet ist und einen Sohn hat, macht die Sache zwar nicht leichter, aber dem ungewöhnlichen Männerpaar bleibt genug Raum für unbeschwerte Momente – etwa bei mehreren Runden Likör und Menschärgerdichnicht mit Edeltraut und erschöpftem Einschlafen zu dritt im Ehebett.

„Dicke Mädchen“ von Axel Ranisch ist einer der Höhepunkte des Nachwuchspreises First Steps, der zum 13. Mal in Berlin in fünf Kategorien verliehen wird. Nicht in allen Filmen geht es so munter zu, das Thema aber findet sich in vielen anderen Beiträgen wieder. In Felix Charins Kurzspielfilm „Leben lassen“ muss eine russische Pflegerin sich um einen 84-Jährigen kümmern, der einst SS-Unterscharführer in ihrer Heimat war. Als Irina den tyrannischen Greis wäscht, entdeckt sie seine Blutgruppentätowierung am Arm. Wie für jemanden sorgen, der für so viel Leid verantwortlich war? Indem sie ihn selber leiden lässt: Sie verweigert ihm die Beruhigungstropfen und spielt ihm russische Lieder auf dem Akkordeon vor. „Ich kann das nicht, es ist alles so schmutzig, es spritzt immer so! Ich kann nicht mehr!“ brüllt er. Aber Irina erlöst ihn nicht. „Nein, Herr Kreutz“, sagt sie, „sie werden noch leben.“

Unter den Dokumentarfilmen dominiert der Blick der Söhne auf ihre Eltern, insbesondere auf die Väter. Mit „Sterben nicht vorgesehen“ erinnert sich Matthias Stoll an die fröhliche Kindheit mit einem zupackenden Vater, der ihm das Fahrradfahren beibrachte und genauso gern wie seine Kinder mit der Modelleisenbahn spielte. „Als Kind habe ich gedacht, richtig schlimme Sachen passieren nur anderen“, sagt Stoll. Die Erkenntnis, dass das nicht immer so ist, kommt mit dem Krebstod des Vaters. Die Collage aus Fotos, Heimvideos und Animationen, die nur indirekt vom Sterben handelt, ist das lebendige Porträt eines geliebten Menschen. Ebenfalls um eine Vater-Sohn-Beziehung geht es in „Die Schaukel des Sargmachers“ (Regie Elmar Imanov, Produktion Eva Blondiau), der als einziger Film zweimal nominiert ist, in der Kategorie „Spielfilm bis 60 Minuten“ sowie für den „No Fear Award“. Dieser Preis für mutige Produzenten wird in Gedenken an den verstorbenen Bernd Eichinger erstmals verliehen. In der Wüste Aserbaidschans lebt der Tischler Yagub mit seinem erwachsenen, geistig behinderten Sohn Musa. Die Hütte ist bescheiden, das Leben rau. Erst als bei Musa ein unheilbarer Tumor festgestellt wird, entwickelt der Vater unbeholfen Fürsorge. Gesprochen wird kaum, gelacht schon gar nicht. Sachte nur nähern sich die beiden an; als der Sohn den Kopf an die Schulter des Vaters lehnt, ist das ein zartes Zeichen neuen Vertrauens.

Vom Verlust der Bindung zwischen Eltern und Kind handelt dagegen der ebenfalls für den No Fear Award nominierte, von Sol Bondy produzierte Langfilm „Die Vermissten“. Dieser Film fragt, was passiert, wenn Kinder sich dem von Eltern und Gesellschaft reglementierten Leben verweigern – und einfach abhauen. Ein Vater sucht seine verschwundene Tochter und findet sich in einer gespenstischen Parallelwelt mit verlassenen Straßen und leeren Klassenräumen wieder.

Die Auflösung althergebrachter Machtstrukturen zwischen Jugendlichen und autoritären Erwachsenen ist auch in „Ausreichend“ von Isabel Prahl zentral. Der Referendar Jakob möchte alles richtig machen, aber als sich die hübsche Lisa aus seinem Deutschkurs in ihn verliebt, provoziert ihn ein eifersüchtiger Schüler zu einem Kräftemessen, das Jakob nur verlieren kann. Die späte Abnabelung von ihrer Übermutter gelingt Kathi in Hanna Dooses „Staub auf unseren Herzen“ – mit Susanne Lothar in ihrer letzten Rolle: Die erfolgreiche Psychologin Chris meint ständig alles besser zu wissen als ihre längst erwachsene Tochter. Auch Sarah Judith Mettkes „Transpapa“ erzählt von einem Familienkonflikt: Maren, pubertär, genervt von Jungs und von ihrer Mutter, will endlich ihren Vater wiedersehen. Nach einem Streit offenbart ihr die Mutter, warum sie den Kontakt jahrelang verhindert hat: Marens Vater heißt inzwischen Sophia und lebt als Frau. Heimlich reist Maren von Berlin in die Eifel, wo Sophia als Haushälterin bei einem alten Herrn wohnt. Die betont coole 16-Jährige (Luisa Sappelt) und die Transsexuelle (Devid Striesow) sind beide auf ihre Weise damit beschäftigt, das Verhältnis zu sich selbst und zum eigenen Körper zu entwickeln. Auch den Umgang miteinander müssen sie erst lernen.

Viele der nominierten Filme, die aus 218 Einsendungen ausgewählt wurden, zeichnen sich gerade durch diese Versöhnlichkeit aus – allerdings ohne plumpes Happy End. Etwa „Puppe, Icke & der Dicke“, das Roadmovie von Felix Stienz: Europe aus Paris ist blind und schwanger, ihr Kumpel Bruno dick und stumm, Bomber aus Berlin zu klein mit zu großer Klappe. „Du kannst nischt, du machst nischt, dann fahr nach Berlin“, schwadroniert Bomber und schimpft über das sich in der Stadt herumtreibende „Künstlerpack, faul wie die Sünde“. Wie unrecht er damit hat, beweisen die jungen Filmemacher, die aus ganz Deutschland zur heutigen Preisverleihung nach Berlin kommen werden. Leonie Langer

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