Kultur : Mutti holt Luft

THEATER

Steffen Kraft

Spiegelkacheln. Das Bild der Frau erscheint zersetzt in tausend blitzsaubere Quadrate. Wenn Birge Schade an der übermannshohen Kachelwand in den Berliner Sophiensälen entlangschreitet, ergreift ein kubistisches Flirren ihr Spiegelbild. Sobald sie sich bewegt, verschwimmen die Bildteile, setzen sich neu zusammen, verwandeln die Figur in eine zitternde Masse aus Splittern. In Boris von Posers Inszenierung der Erzählung Der Verlorene verwischen die Identitäten (bis 7.9. in der Sophienstraße 18, Karten: 030-2895266 ). Die Suche nach dem auf der Flucht verlorenen Sohn stürzt eine Nachkriegsfamilie in den Strudel von erkennungsdienstlichen Behandlungen. Anstatt die Verwandtschaft mit einem unbekannten Findelkind zu beweisen, stellen die Analysen die Persönlichkeiten der Familienmitglieder zunehmend in Frage.

Hans-Ulrich Treichels Text, der dem Stück als Vorlage dient, seziert mit Witz und Sinn fürs Detail die westdeutsche Nachkriegspsyche. Die Kraft der Erzählung flackert auf der Bühne indes nur selten auf. Selbst wenn der Regisseur die Zuschauer mit Treichels Humor für sich einnimmt, rettet er sie nicht vor langen Monologen, in denen die Schauspieler recht fad erzählen. Erich Ludwig gibt den drahtigen, kühl betriebsamen Familienvater noch glaubwürdig. Wenn Rosalinde Renn beim Sprechen stockt, dann soll das vermutlich zeigen, dass Mutti Luft und wohl auch Mut schöpfen muss. Doch die Seufzer wirken einstudiert, zu mitleidig für eine letztlich egomanische Mutter. Wie sehr der Sohn unter ihr leidet, vermittelt Thomas Schweiberer nicht – unbenommen seines körperlich anspruchsvollen Spiels. Er spricht zwar von seinem Elend, aber die Metamorphose von der Prosa zum Drama missglückt doch.

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