Kultur : Mysterium Malerei

Eine Entdeckung: Alan Davie in der Berliner Galerie Nothelfer

Petra Schröck

Alan Davie ist Grafiker, Dichter, Jazzmusiker, Dozent und vieles mehr. Vor allem aber ist er Maler. Seine farbenprächtige Welt, eingespannt zwischen den Polen von Chaos und Ordnung, ist von ursprünglicher Schönheit. Jedes Bild von Davie erzählt von der unvergänglichen Kraft der Farben. Und bei aller assoziativen Zeichenhaftigkeit bleibt seine Malerei ein Mysterium.

Dem eigenwilligen Pionier des europäischen abstrakten Expressionismus, der hierzulande seltsam unbeachtet blieb, widmet die Galerie Nothelfer jetzt die erste Retrospektive in Berlin. Und es offenbart sich ein undoktrinäres Werk mit einer intuitiven Bildsprache immer wiederkehrender Bildchiffren. Formal geriet der 1920 im schottischen Grangemouth geborene Davie über seine Beschäftigung mit Picasso, Klee und Ernst zunächst in den Bannkreis surrealistischer Vorstellungen von der Bildkraft des Unbewussten. Seine Begegnung mit dem Frühwerk Jackson Pollocks in der Guggenheim-Sammlung in Venedig, 1948, war folgenschwer. Nicht nur, weil Peggy Guggenheim ihm ein Bild abkaufte, da sie ihn für einen amerikanischen Maler hielt. Davie war gefesselt von der intuitiven Ausdruckskraft der surrealistisch geprägten Anfänge des „Action Paintings“.

Farben, Zeichen und Klänge ziehen sich wie ein roter Faden durch Davies Werk. Im Alter von 16 Jahren schenkte ihm sein Vater Ölfarben, Pinsel und einen Spiegel. Obwohl ein ausgebildeter Maler, begann er nach jener Begegnung mit Pollock, Rothko und Motherwell, „non-stop“ zu malen. Inzwischen hatte er an der Kunstschule in Edinburgh studiert, was ihn dazu brachte, die Kunst zu verachten. Fasziniert von islamischer Keramik und byzantinischen Mosaiken, trieb es ihn zum Handwerklichen – zum Goldschmieden, zur Dichtkunst und zum „Drang, Jazz zu begreifen“. Nach dem Krieg spielte er Tenorsaxophon im Tommy Sampson Orchester. Seine Freude an spontaner Improvisation übertrug er auf die Malerei, wie vor ihm schon Matisse, Piet Mondrian oder Stuart Davis. Hinzu aber kam eine stete Neigung zu archetypischen Zeichensystemen, die gleichsam eine Ornamentik und Symbolik veranschaulichen. Exemplarisch zeigt dies das späte Bild „Room of the Cosmic Signaler“ aus dem Jahr 2000 (40 000 Euro). Der gelbe Kreis kann ein Rad, eine Sonne, ein Stern oder eine Zielscheibe sein. Halbrunde Bögen erinnern an Tempeltore. Das überbordende Bildgeschehen wird gebändigt durch ein lineares Gewebe von ineinander geschachtelten Räumen. Wie viele andere Künstler beschäftigt sich Davie mit prähistorischer und „primitiver“ Kunst, mit dem Zen-Buddhismus und der Tiefenpsychologie C. G. Jungs. Als Dozent lehrt er die Philosophie des Irrationalen, die große geistige Disziplin erfordert. Als Segelflieger entdeckt er, dass er ein Vogel sein könnte. Als Maler vermittelt er jenseits bloßer Dekoration und intellektuellen Kalküls seltene Augenblicke einer verloren gegangenen Idylle.

Galerie Nothelfer, Corneliusstraße 3, bis Ende Januar 2004, Dienstag bis Freitag 14.30 – 18.30, Sonnabend 10 – 14 Uhr.

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