Kultur : Mystik der Mitte

Richard Herzinger

"Also, Franz, sie ist ja doch blau, die Mitte", scherzte Gerhard Schröder, an seinen Generalsekretär Müntefering gewandt, bevor er das Wort zu seiner Grundsatzrede ergriff. Müntefering hatte noch kürzlich die Wahlkampfparole ausgegeben: "Die Mitte ist rot." Beim SPD-Kongress "Die Mitte in Deutschland" kürzlich in Berlin war davon keine Rede mehr. Den Kongressort, das Daimler-Chrysler-Gebäude am Potsdamer Platz, schmückte die riesige Darstellung eines Tropfens, der ins Wasser fällt und sanfte Wellen schlägt. So war das Bild jedenfalls gemeint. Von der Ferne konnte man den Aufprallpunkt in der Mitte jedoch auch für ein schwarzes Loch halten. Oder für die Öffnung eines Abflussrohrs.

Das ganze Werk war in blau gehalten, blassblau müsste man genauer sagen. Und natürlich ist die Mitte nicht grundlos blau. Die Farbpsychologie verrät uns, dass das Blau eine beruhigende, meditative Wirkung entfaltet. Blau macht glücklich, hieß es schon in der "Generation Golf"-Werbung von VW. Genau das Richtige für die neue Staats- und Gesellschaftsphilosophie der Sozialdemokratie, die uns klar machen will, dass wir uns vor nichts zu fürchten haben, wenn wir nur einiges neu bedenken, was uns früher beunruhigt hatte.

Hielten wir früher "Innovation" und "Gerechtigkeit", "Freiheit" und "Sicherheit" oder "Konsens" und "Führung" für gegensätzliche, zumindest aber für verschiedene Werte, zwischen denen man in sich in bestimmten Fällen entscheiden muss, so enthüllt uns die Philosophie der Mitte jetzt, dass es sich bei solchen Begriffspaaren nicht um "Alternativen", sondern um widerspruchsfreie Einheiten handele. Das eine sei nicht ohne das andere zu haben, beides sei jeweils "gleich nötig und gleich möglich und nur miteinander erfolgreich", wie es Franz Müntefering in seiner ihm eigenen Dialektik ausformuliert.

Das Teil und sein Gegenteil

Alles geht mit allem zusammen, wenn es sich nur in der Mitte trifft und sich willig in das gesellschaftliche Gesamtkunstwerk fügt, für das die Sozialdemokratie einsteht. Solche wundersame Vermittlung der Gegensätze erinnerte den Theologen Friedhelm Hengsbach auf dem Podium des Mitte-Kongresses an die Denkfigur der "Coincidentia oppositorum", die in der christlichen Mystik das paradoxe Wesen Gottes beschreibt. Gott ist zugleich das eine und das andere, die These und die Antithese, das Ganze und das Teil, das Teil und sein Gegenteil.

Die Mitte, präzisierte Gerhard Schröder in seiner Grundsatzrede, beziehe ihre Kraft "aus den vielen Millionen Menschen", die Tag für Tag in den Betrieben und Büros, im Mittelstand und im Management, in Kindergarten, Schule und Universität ihre Kreativität und ihr Engagement einbringen. Die "Mitte" ist also das Ganze, die ganze Gesellschaft, eine klassenlose, konfliktbereinigte Gesellschaft, in der alle, wenn sie nur mittun wollen, an einem Strang ziehen. Nein, die Philosophie der Mitte leugnet nicht den Konflikt, aber es gibt für sie keine unlösbaren, unaufhebbaren Konflikte, die nicht im Sinne eines wohl geordneten Ganzen produktiv gemacht werden könnten.

Die Mitte ist natürlich auch "nichts Statisches", wie der Bundeskanzler betont, sie ist vielmehr "der entscheidende Motor der gesellschaftlichen Modernisierung. Sie ist offen für alle, die teilhaben sollen und teilhaben wollen". Sie ist also ruhender Pol und Bewegung zugleich, und warum die Mitte eigentlich noch die Mitte ist, wenn sie doch eigentlich Alles sein soll, das begreift man eben nur, wenn man das neomystische Denkprinzip der modernen Sozialdemokratie verinnerlicht hat.

Hengsbachs Vermutung, der Kult um die Mitte, an dem sich auch die CDU / CSU mit Eifer beteiligt, bedeute eine Rückkehr ins Sakrale, stimmt freilich nur bedingt. Tatsächlich dient die Rhetorik der Alleinheit vor allem dazu, die programmatische Leere der großen Volksparteien zu übertönen. Diese Rhetorik enthält sicher auch ein Element der Einschüchterung: Wer in ihrer Dunstglocke noch auf das Fortbestehen von Widersprüchen und Wertekonflikten hinweist, gerät rasch in Verdacht, rückständig und nicht konstruktiv genug oder schlicht ein Spielverderber und Miesepeter zu sein. Oder gar eine Gefahr für die Demokratie - führe doch, so Gerhard Schröder, "Instabilität in der Mitte (...) geradewegs in die Katastrophe". Wer also die Mitte destabilisiert, der zerstört die Demokratie, oder, so Schröder: "Wer die Mitte durcheinander wirbelt, erlebt schlimmste Tragödien".

Die Welt und ihre Parallelwelt

Der Kern des Kults um die Heilige Mitte ist jedoch ein ganz profaner. Die modernen individualisierten Gesellschaften differenzieren sich heute in einem Maße aus, dass es für die großen Konsensparteien immer schwieriger wird, diese widerstrebenden Tendenzen unter einen Hut zu bringen. Da sie auf der Fiktion einer einzigen, homogenen Gesellschaft beruhen, müssen sie den Anspruch aufrecht erhalten, sie, die "Volksparteien", repräsentierten die Gesellschaft im Ganzen. Doch das fällt ihnen immer schwerer. Die Ganzheitlichkeitsrhetorik der "Mitte" muss überspielen, dass es immer größere Sektoren der Gesellschaft gibt, die von der traditionellen Gesellschaftspolitik nicht mehr erfasst werden.

Junge Migranten zum Beispiel schaffen sich ihre Parallelwelten: selbst gebastelte Lebenswelten, in denen sie kulturelle Einflüsse verschiedensten Ursprungs kombinieren und umformen. Die offizielle Einwanderungspolitik geht jedoch immer noch von dem Ziel der "Integration" von "Ausländern" in eine vermeintlich intakte, homogene Heimatkultur aus.

Den vielfältigen Wegen der Selbstorganisation, in der sich die Potenziale künftiger neuer Strukturen und Wertesysteme entwickeln, kann eine solche Gesellschaftspolitik nicht mehr folgen. Umstellt von Verbänden und organisierten Interessensvertretern, wagen sich die Parteien nicht an Strukturreformen, die zum Beispiel eine Flexibilisierung der Arbeitsmärkte bewirken würden. Denn jeder Gedanke an eine Deregulierung der sozialen Umverteilungsapparate wird hierzulande reflexhaft mit "sozialer Kälte", oder, wie Schröder in seiner Rede sagte, mit "Amerikanisierung" gleichgesetzt. So weicht die Gesellschaft ins Reich der Schattenwirtschaft aus, die im offiziellen Diskurs der Politik gar nicht vorkommt.

Ins Blaue und ins Blumige

Die Rhetorik von der Mitte übertönt somit die Furcht vor der Einsicht, dass die traditionelle deutsche Konsensgesellschaft an ihre Grenzen gestoßen ist. Auf die dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen, die diese Entwicklung nach sich ziehen wird, sind die Parteien nicht vorbereitet, weder theoretisch noch praktisch. Mehr noch, sie ahnen, dass das Ende des tradierten Konsensmodells auch ihre eigene Struktur, ihr eigenes Dasein in seiner jetzigen Form, in Frage stellen wird. Die hingebungsvolle Beschwörung der Mitte soll diesen Augenblick der Wahrheit noch eine Weile hinausschieben.

Daher löst sich die Rhetorik der Mitte immer weiter vom konkret Fasslichen ab und sublimiert sie sich in blumiger Beliebigkeit. Unter dieser Nebelwolke schöner, einlullender Worte, so die pragmatische Hoffnung der Macher, hält man sich alle Optionen offen und kann dann von Fall zu Fall entscheiden, wie man, ab durch die Mitte und irgendwie ins Blaue, politisch weiterwursteln will.

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