Kultur : Mythen der Macht

JAN GYMPEL

Lange Zeit galt der Nationalsozialismus auf der einen Seite des Eisernen Vorhangs als "Betriebsunfall" der deutschen Geschichte, auf der anderen als Veranstaltung des "Großkapitals".Dabei wurde gern übersehen, daß dem Dritten Reich eine Ideologie zugrunde lag, die zwar abstrus war, in ihrem Wahnsinn aber durchaus eine innere Logik aufwies.Inzwischen scheint man die Ignoranz früherer Jahrzehnte überkompensieren zu wollen: Die esoterische Seite des NS-Denkens ist unter Filmemachern fast zu einem Modethema geworden.

Um so mehr enttäuscht das abendfüllende Werk von Kerstin Stutterheim und Niels Bolbrinker.In ans selige Schulfernsehen erinnernder Manier werden allerlei Aspekte des doch eigentlich hochinteressanten Themas angetippt: Wagner und Wandervogel, Naturtümelei und Nationalismus, Germanentum und Gralsmythos, Vorsehungsglaube und "Überfremdungs"-Angst und nicht zu vergessen Männerbündelei samt überbordendem Maskulinitätswahn.Stutterheim und Bolbrinker konnten offenbar ausgiebig durch den deutschen Sprachraum reisen und schöne Aufnahmen von einstigen NS-Ordensburgen und imposanten Stadtbildern machen, viele kluge Leute kommen zu Wort und auch einige Zeitzeugen.In Sachen Information und Analyse aber reicht der Film nicht an Werke wie Lutz Dammbecks "Zeit der Götter" oder Peter Cohens "Architektur des Untergangs" heran.Wie sich die ganze Esoterik auf die Politik des Dritten Reichs ausgewirkt hat, bleibt weitgehend im Vagen.Am ärgerlichsten aber: Der Aussagewert für die Gegenwart wird nicht hinterfragt.Ist vielleicht in Wahrheit der heutige Esoterikboom der "noch fruchtbare Schoß"? Womöglich sind Phantasien von "Neuen Zeitaltern" angesichts der Jahrtausendwende (die gleichen hatte man um die vergangene Jahrhundertwende), Aversionen gegen Modernisierung und Globalisierung, die Hoffnung auf Erlösung, Sinnstiftung und Glück durch okkulten Firlefanz im Ergebnis gefährlicher als einige gewalttätige Provinzkids, die kurze Haare tragen.

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