Kultur : Mythen in Tüten

Amerika und seine Bilder: Hollywood erzählt von einem anderen Land, als George W. Bush es heute regiert

Marcia Pally

Als ich sah, wie Catherine Zeta-Jones in „Chicago“ ihre Schenkel um einen Stuhlrücken windet, musste ich an George W. Bushs Nationale Sicherheitsdoktrin denken: Wie wenig hat die Erfindung des einen doch mit der des anderen zu tun. Die Sicherheitsdoktrin sieht vor, dass die USA vorbeugend gegen alle Länder militärisch vorgehen, die der Präsident für feindselig hält. „Chicago“ hatte mir schon als Broadway-Musical gefallen, und der Film gefällt mir noch besser. Rob Marshall weiß, wo man die Kamera hinstellen muss, um die Beine ins rechte Licht zu rücken. Der Film, der die Berlinale eröffnete (Tsp. vom 6.2.), gefällt mir auch deshalb, weil er die Gedanken der Vorlage klarer zum Ausdruck bringt – oh doch, dieses Musical ist zwar reicher an Strumpfbändern als „Cabaret“, aber gedankenreich ist es auch.

Als ich sah, wie Eminem sich in „8 Mile“ warm läuft, um seine bösen Gedichte herauszugrunzen, versuchte ich vergeblich, dieses Amerikabild mit der Bush-AshcroftRumsfeld-Achse der Praxis in Einklang zu bringen, etwa mit der Internierung von Bürgern nach dem 11. September ohne Zugang zu Anwälten und Benachrichtigung der Familien. Ich dachte an die neue Abteilung für innere Sicherheit mit ihrem Computerprojekt namens „Total Information Awareness“, das den Geheimdiensten mitteilen kann, wann du zuletzt bei Amazon eine Bestellung aufgegeben hast oder wie deine letzte Darmspiegelung aussah.

Im Film fahren Eminem und seine Gang in ihrer alten Klappermühle durch die Slums von Detroit, neben denen das Dresden von 1945 aufgeräumt wirkt. Ich dachte an Bushs Steuererleichterungs-Vorschläge, die 50 Prozent der Rückzahlungen einem Prozent der US-Bevölkerung zukommen lassen wollen. Ich dachte daran, dass mancher Konzern – anders als seine Arbeiter – ganz von der Steuer befreit ist. Der Steuersatz auf Geschäftsgewinne liegt so niedrig wie seit 60 Jahren nicht mehr. Die „CSX Corporation“ zum Beispiel hat zwischen 1998 und 2001 900 Millionen Dollar Gewinn gemacht, keine Steuern gezahlt und 164 Millionen Dollar zurück erhalten. Ihr Chef John Snow ist seit Anfang Februar US-Finanzminister.

Ich sah Eminem tänzeln und René Zellweger ihren schönsten Schmollmund ziehen, um Zeta-Jones die Show zu stehlen, und dachte an die seltsame Art, mit der die Europäer die Amerikaner mit ihrer Regierung verwechseln. Wir wählen sie, aber sie ist nicht „Wir“. Jeder Antiamerikanismus, der den Unilateralismus und das Muskelspiel des Militärs kritisiert, muss das in Betracht ziehen. Wir, das sind „Chicago“, „8 Mile“, „Catch me if you can“ von Steven Spielberg und „Gangs of New York“ von Martin Scorsese. Auch „American Beauty“ und „Do The Right Thing“ sind Wir, ebenso Bruce Willis, der Waffennarr Charlton Heston und die Politaktivistin Susan Sarandon. „Dumm und dümmer“ mit Jim Carrey und Michael Moores Politsatire „Bowling for Columbine“ sind Wir.

Dieses kollektive Wir besteht aus zahllosen Unter-Wirs: Blues-Sänger, Kegler, Rotarier, Rapper, moderne Mütter, bibeltreue Christen, Telenovela-Fans. Der Motor, der dieses Kollektiv antreibt, wird nicht von oben gesteuert. Es gibt keine Subventionen, die dem Chaos Schutz bieten, und selbst wo es sie gibt (als Erntebeihilfen oder Schutzzölle auf Stahlimporte), sprechen ihre Nutznießer nicht weniger verächtlich von der Regierung als Jesse James oder Billy the Kid. Die französische Regierung hat zum Schutz ihrer Kultur vor der Übermacht Hollywoods eine Quotenregelung gegen US-Filme installiert – und die Amerikaner verstehen die Welt nicht mehr. Bush würde Eminem und die Schenkel der Zeta-Jones auch lieber verstecken.

Sehnsucht nach dem Pioniergeist

Dass man die Amerikaner nicht mit ihrer Regierung verwechseln sollte, bedeutet nicht, dass Regierungen keinen Anteil am Aufbau der Nation hatten. Sie haben Land gekauft, die Ureinwohner ausgemerzt, billige Kredite gegeben, Kanäle und Eisenbahnstrecken gebaut, Territorialkriege geführt, Schulen gebaut, Industrie und Landwirtschaft subventioniert, Zinssätze, Steuern und Zölle festgesetzt. Dennoch – vielleicht als Folge der Einwanderung und des Zugs nach Westen – gibt es das, was Tocqueville „lokale Unabhängigkeit“ nannte. Denn so unmittelbar die Menschen ihre Regierung auch einsetzen, so sehr misstrauen sie ihr zugleich. Die Amerikaner glaubten schon immer, sie hätten ihr Land selbst erfunden. Wenn das, was sie mitbrachten, nicht passte, erfanden sie sich selber neu und zogen weiter, mit einem neuen Plan, neuer Musik, einer neuen Identität. Selbst die amerikanische Nostalgie nach den „good ol’ days“ ist eine Sehnsucht nach Pioniergeist. Diese ursprüngliche Bewegung innerhalb Amerikas, eine impulsive und schöpferische Bewegung, existiert neben, trotz oder ganz unabhängig von der Regierung.

Für „Gangs of New York“ wurde mit dem Slogan geworben: „Amerika wurde auf der Straße geboren!“ Ja, wir haben aus dem Nichts etwas aufgebaut. Deutschland wurde spät auf Schlachtfeldern geboren, der größte Teil Europas entstand unter der Hand von Königen. „Gangs of New York“ beschreibt eine andere Mentalität: Beschaffe dir eine Vision – jeder New Yorker Taxifahrer vom Stamme der Paschtunen hat eine –, dann arbeite, kämpfe und spiele, spiele dich hinein in deine eigene Erfindung. Wollen Sie wissen, warum Amerika reich ist? Weil, wie David Brooks in der „New York Times“ schreibt, man „im Land des Überflusses immer etwas wundervoll Neues hinter dem nächsten Hügel findet oder mit dem nächsten Ehepartner, am nächsten Arbeitsplatz, nach der nächsten Renovierung der Terrasse oder der nächsten Lottoziehung, und dann werden alle Träume wahr“. Im Jahr 2000 glaubten 19 Prozent der Teilnehmer einer „Time“-Umfrage, dass sie zu den Spitzenverdienern gehören, weitere 20 Prozent waren sich sicher, bald dazuzugehören. In Amerika, so Brooks, sind die Menschen „prä-reich“.

Wir erfinden uns selbst

„Gangs“ ist kein guter Film. Die Bauten, offenbar aus dem Bühnenbild von „Turandot“ in Cincinnati abgestaubt, werden mit Gewaltszenen gefüllt, bis sich alles in „Braveheart“ mit ein wenig „Hamlet“-Angst verwandelt. Aber auf der Leinwand fließt mehr mythischer Saft als Blut. Die Iren kamen, wurden zu Brei geprügelt, bahnten sich einen Weg in die Stadtregierung und übernahmen sie. Das „große“ Geld ist in New York bis heute zum Großteil „irisch“. Ungefähr zur Halbzeit von „Gangs“ steppt ein „Neger“ und sieht dabei aus wie ein Holy-Roller, der Fred Astaire imitiert. „Nimm den Rhythmus des Schwarzen Kontinents und den irischen Jig“, sagt einer, „verquirle das alles, und du kriegst Amerika.“

In seinem Buch „American Skin“ benennt Leon Wynter die Arenen, in denen die Vermischung unserer 140 Sprachen und Kulturen stattfand: die Märkte und die Kultur, nicht die Regierungspolitik. Einerseits haben Amerikaner nach dem 11. September Araber und Sikhs attackiert. Andererseits ist Amerika Heimat des arabischen Rap und eines neuen Theaterstücks über vier Lesben in einem islamischen Café. Sollte diese Mischung ein Mythos sein, dann einer mit realen Folgen: Wir wurden, was wir zu sein glaubten und erfinden uns selbst, indem wir uns permanenter Selbstkritik aussetzen. Wir wissen alles über jene Mythen, die uns blind machen und in dem Glauben wägen, dass wir Erfolg haben werden. Auch das ist Hollywood: Wir verkaufen uns selbst an uns selber, betreiben Mythos und Exegese zugleich.

„Chicago“ ist so eine mythische Mythen-Exegese, ähnlich wie Barry Levinsons Film „Wag the Dog“ von 1997. In „Wag the Dog“ inszeniert ein Hollywood-Produzent einen Krieg, der von den weniger löblichen Affären des Präsidenten ablenken soll. Der Erfolg des Produzenten beruht vor allem darauf, dass sich in Amerika schon immer alles um die richtige Verpackung gedreht hat. Was haben die Iren anderes getan, als sich selbst neu zu verpacken und eine Nische der Macht zu besetzen? Der Rest der Einwanderer aus Europa folgte ihrem Beispiel.

„Chicago“ handelt nicht davon, wie man einen Krieg, sondern wie man Gerechtigkeit vermarktet. In der Prohibitionszeit sitzen zwei Frauen, Zeta-Jones und Zellweger, in der Todeszelle, weil sie ihren Galan umgebracht haben. Der beste Anwalt der Stadt (Richard Gere) verdient sich seinen Ruf damit, dass er jede Gattenmörderin in den Liebling aller Bürger verwandeln und den Geschworenen ihre Unschuld verkaufen kann. Der Held des neuen Spielberg-Films „Catch me if you can“ hängt die Latte noch höher, indem er Schecks in Milliardenhöhe fälscht und sich immer wieder neu erfindet, als Pilot, Arzt oder Anwalt – und zuletzt als FBI-Agent in der Fälschungsabteilung.

Als der „Krieg“ am Ende von „Wag the Dog“ abklingt, packt den Produzenten die Lust, der Welt zu verraten, dass alles „nur“ eine Inszenierung war – weshalb er zum Schweigen gebracht wird. Die Macht der jetzigen Regierung ist real. Aber sie lässt sich nicht mit der Macht des täglichen Spiels ums Glück gleichsetzen, und das verleiht dem weltweiten Antiamerikanismus eine tragikomische Note. Hamas-Kämpfer imitieren Robert de Niro und Will Smith, und ein antiamerikanischer Demonstrant namens Rahmat, der geschworen hatte, seine muslimischen Brüder in Afghanistan zu verteidigen, fragte einen Reporter aus dem Westen, ob dieser ihn mit nach Amerika nehme – damit er Michael Jordan Basketball spielen sehen könne. Übrigens: „Catch me if you can“ basiert auf einer wahren Geschichte.

Die Autorin lebt in New York. Im März erscheint von ihr „Lob der Kritik – Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf“ im Berlin Verlag. – Aus dem Amerikanischen von Robin Detje.

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