Kultur : Mythenhauch & Frauenleben

KLASSIK (2)

Ulrich Amling

Im Salon lebt die Sehnsucht nach einer intimen Begegnung mit Kultur fort. Nach einem geistreichen Wettstreit bei Champagner, nach einem Flirt zwischen dem Künstler und seinem Publikum, nach einem Aufweichen der Trennung von Schöpfer und Rezipient unter Tränen und Alkoholeinfluss. Wie groß diese Sehnsucht ist, verrät ein lvoller Kammermusiksaal, der sich in den „Roten Musiksalon“ Alma Mahlers in Wien um 1920 zu verwandeln sucht. Allein, wo viele nach Exklusivität streben, wird mancher enttäuscht.

Mangelhafte Übertragung durch knackende Mikrofone und schwierige akustische Beziehungen vor allem bei Schönbergs „Pierrot lunaire“ schüren Unruhe und führen zu einzelnen Abwanderungen. Und natürlich würde man Christine Schäfers Pierrot lieber vor 80 Leuten hören, wie damals, im Haus von Hofoperndirektor Mahlers mächtiger Witwe. Denn der Sopranistin gelingt eine bewegende Interpretation, die unter die mit gleißender Exaltation imprägnierte Oberfläche der filigranen Nachtstücke dringt. Almas Maxime, dass alle Intensität aufgeboten werden müsse, um zu locken und zu strahlen, erfährt hier subtile Widerworte. Wie sich die Salon-Dame überhaupt wenig schmeichelnden Charakterisierungen ausgesetzt sieht, wenn Peter Simonischek Canetti und Krenek als Zeugen aufruft: Der eine halluziniert Alma als dreiste Giftmörderin, der andere als Brünnhilden-Gestalt, versetzt in die Atmosphäre der „Fledermaus“. Komponiert hat Alma Mahler auch, und das angebliche Schreibverbot ihres Mannes hat den Liedern einen Hauch von Mythos beschert. Dabei konnte man dieser Frau wohl nichts verwehren: nicht ihr leichtfertiges Spiel mit dem Pathos, nicht manch treffende Einsicht. „Künstler, wenn es ums Leben geht, sind sie alle Dilettanten.“ Alma, wenn es um ihr Leben ging, war sie Künstlerin.

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