Mythos „Ausländer“ : Die anderen, die Fremden

Der Fremde in Deutschland ist der Ausländer, und der hat mal wieder Konjunktur. Denn wenn gar nichts mehr geht, das Thema Ausländer geht immer.

Philipp Lichterbeck

Im Französischen spricht man vom étranger, im Englischen vom foreigner. Beides lässt sich auch mit Fremder übersetzen. Der Fremde in Deutschland ist der Ausländer, und der hat mal wieder Konjunktur. Denn wenn gar nichts mehr geht, Ausländer geht immer. Besonders in Verbindung mit den Attributen „kriminell“ und „gewalttätig“. Dann erregen sich die Deutschen, und Landesfürsten bestreiten ganze Wahlkämpfe mit der Nomengruppe. Suggeriert wird, dass die Gefahr – der Begriff verrät es – von außen kommt. Gewalt und Kriminalität, so die Botschaft, sind keine Symptome für den Zustand dieser Gesellschaft; sie wurden vielmehr eingeschleppt, wie eine Krankheit. Die Tatsache, dass Serkan, der „U-Bahn-Schläger“ von München, ein Kind Bayerns und nicht Anatoliens ist, wird da zweitrangig.

Noch deutlicher wird die Absurdität des Begriffs „Ausländer“ in diesem Zusammenhang beim Blick auf sein Antonym: Inländer. 62 Prozent aller rund sieben Millionen Ausländer in Deutschland leben schon mindestens zehn Jahre hier. Jeder fünfte Ausländer wurde hier geboren und wäre damit in anderen Republiken dieser Welt, wo das Bodenrecht gilt, automatisch Bürger des Geburtslandes. Von den 1,8 Millionen Türken kamen sogar 34 Prozent in Deutschland zur Welt. Jeder dritte Türke ist also praktisch In- und nicht Ausländer. Dennoch soll Serkans Fall nun per Abschiebung gelöst werden. Das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht mit seiner Fixierung auf das Blut der Vorfahren macht Millionen Inländer rechtlich und emotional zu Ausländern.

Wie wichtig den Deutschen aber immer noch die Abstammung zu sein scheint, zeigt der Ruf nach Kriminalitätsstatistiken, in denen die Herkunft deutscher Täter erfasst wird. „Welt Online“ untersuchte kürzlich Täter mit deutschem Pass auf ihre Abstammung und stellte fest: „Bei genauerer Betrachtung haben noch mehr Verdächtige nichtdeutsche Wurzeln.“ Wo verläuft eigentlich die Trennlinie zwischen der Obsession mit der Biologie, Roland Kochs Anstandskatalog und der NPD-Forderung nach der „Ausweisung aller kulturfremden Ausländer“? Und warum wird eine Debatte über Kriminalität größtenteils auf der Grundlage pseudobiologischer Distinktionsmerkmale geführt? Vielleicht weil es einfacher ist, Härte zu fordern, als sich damit auseinanderzusetzen, dass Deutschland ein sozial zerklüftetes Land ist, wo die Einkommen der Ärmsten in den letzten 15 Jahren um 13 Prozent gesunken, die der Spitzenverdiener um rund ein Drittel gestiegen sind?

Der Kitt, der sich anbietet, um die sozialen Risse zu überdecken, sind die Mythen von nationaler Kultur und ethnischer Homogenität. Und die Dämonisierung des Ausländers dient dazu, Mehrheiten zusammenzuzimmern.

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