Kultur : Mythos Israel

Norman G. Finkelstein attackiert den Zionismus als Ideologie

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Von Ludwig Watzal

Norman G. Finkelstein hat mit seinen letzten beiden Büchern nicht nur in Deutschland einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Amerikanern und Europäern hatte er vorgeworfen, das Gedenken an die Ermordung der europäischen Juden als „Holocaust-Industrie“ für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Auch Finkelsteins Dissertation, die jetzt auf Deutsch vorliegt, hat das Zeug zu einem Skandalbuch. Darin vertritt der Politikwissenschaftler die These, dass der Zionismus, der Gründungsmythos des israelischen Staates, ein romantischer Nationalismus war, der mit liberalen Werten unvereinbar ist.

Ein Beweis dafür, wie sehr Israelis und Amerikaner den Zionismus in der politischen Debatte missbrauchten, ist für Finkelstein die Wirkungsgeschichte des Buches „From Time Immemorial“ von Joan Peters. Das Buch wurde in den USA als Jahrhundertwerk gefeiert, obwohl die Autorin eine bizarre These vertritt: Die Palästinenser hätten ihre Abstammung gefälscht und seien erst dann eingewandert, als zionistische Siedler Wohlstand geschaffen hatten. Finkelstein weist nach, dass es sich bei dieser Studie um eine „spektakuläre Geschichtsfälschung“ handelt. In den USA sei öffentliche Kritik daran verpönt gewesen. Erst als das Buch 1985 in Großbritannien erschien, wurde der Schwindel aufgedeckt. Seither gilt die Autorin als disqualifiziert.

Finkelstein kritisiert, wie die offizielle israelische Geschichtsschreibung Tatsachen verdrehte und Mythen wie den vom „jungfräulichen Land Israel“ schuf. Ärgerlich ist, dass der Autor dabei immer wieder die zionistischen Begründungen mit Rechtfertigungen der Nazis gleichsetzt. Diese Vergleiche hinken und lassen an der Seriosität des Wissenschaftlers Finkelstein zweifeln.

Auch den israelischen Mythos der „Selbstverteidigung“ weist Finkelstein zurück. Bis heute werde der Sechstagekrieg vom Juni 1967 zum Kampf Davids gegen Goliath stilisiert: Das kleine Israel sei von arabischen Armeen in seiner Existenz bedroht gewesen. Finkelstein führt israelische Militärs und Politiker wie den ehemaligen israelischen Außenminister Abba Eban als Kronzeugen für seine These an, dass der prophezeite Untergang Israels Propaganda gewesen sei. Ihre Aussagen belegen, dass seit 1949 kein Land mehr eine tödliche Bedrohung für Israel dargestellt hat.

Finkelstein geht noch einen Schritt weiter. Er dokumentiert, dass Israel ägyptische und jordanischen Angebote für einen umfassenden Nahostfrieden abgelehnt hat, weil sie nicht in das eigene machtpolitische Konzept passten. Und dass die Ägypter im Yom-Kippur-Krieg Erfolge erzielten, führt der Autor auf die Arroganz der Israelis zurück, die die Ägypter als „Affen“ bezeichnet hätten.

Die Arbeit des Wissenschaftlers, der an den Universitäten in Chicago und New York City unterrichtet, zeigt wissenschaftlich fundiert ein völlig anderes Israelbild, als es in Deutschland vermittelt wird. Für das Verständnis des israelisch-arabischen Konflikts leistet das Buch einen wichtigen Beitrag.

Norman G. Finkelstein: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Mythos und Realität. Diederichs, München 2002. 400 Seiten, 23 €.

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