Kultur : Mythos und Misserfolg

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Eigentlich hatte sich das Repertoire auf dem Grünen Hügel diesen Sommer besonders fein säuberlich sortiert, in szenische Flops und Tops. Zu letzteren gehören demnach: Stefan Herheims „Parsifal“, ein revuereifer Ritt durch die Rezeptionsgeschichte des Bühnenweihfestspiels, sowie zuallererst und vor allem Hans Neuenfels’ und Reinhard von der Thannens Blick auf den „Lohengrin“ – die Sache mit den Ratten, die spätestens seit der Liveübertragung auf Arte am 14. August für die nächsten Jahre Kult sein dürfte. Zur Kategorie der Flops hingegen zählen: die „Meistersinger“ (in ihrem letzten Jahr), von Katharina Wagner verantwortet und vom Publikum von Anfang bis Ende bitterlich befehdet; „Tristan und Isolde“ in der Inszenierung des konsequent abwesenden Christoph Marthaler, eine konsequent trübsinnige Veranstaltung; und schließlich der neue „Tannhäuser“ aus der Gedankenschmiede des Dramaturgen Carl Hegemann und in der Regie von Sebastian Baumgarten, der rundweg durchfiel.

So weit, so üblich, das fränkische Wagner-Angebot ist seit jeher ein gemischtes. Nun aber meldet sich Nike Wagner zu Wort, die Cousine der Festspielleiterinnen Eva und Katharina, und plädiert dafür, den „Tannhäuser“ abzusetzen. Da passe nichts zusammen, analysiert sie, das Gesamtkunstwerk schlage zurück und die Bühneninstallation des holländischen Künstlers Joep van Lieshout (ein Trumm namens „Alkoholator“) ihrerseits alles tot, die Musik inklusive. Man ist geneigt, Nike zuzustimmen. Experimente können scheitern, Konzepte fehlgehen – warum also nicht (wie an anderen Opernhäusern auch) die Konsequenzen ziehen und größeren Schaden von den Festspielen abwenden? Eventuell wäre der Sache bereits gedient, indem man einen Sommer lang aussetzt und dem „Tannhäuser“- Team die Gelegenheit zur Revision gibt. Der weltweite Karten-Hype orientiert sich nicht nur am Mythos, sondern auch am Misserfolg. Angeblich sind die Zahlen schon länger rückläufig.

Dass Nike Wagner ihre Äußerungen in der „Bunten“ tut (Ausgabe von heute), spricht weniger gegen das biedere Promi- Blatt als für einen alten Reflex. Die Tochter Wieland Wagners, die zuletzt 2008 mit ihrer Bewerbung für die Festspielleitung scheiterte und als Vorzeige-Intellektuelle des Clans gilt, kann es eben nicht lassen. Sie muss wider den Stachel löcken und geht natürlich davon aus, dass demnächst „ein ideenreicher externer Kunstkenner“ die Festspiele übernimmt: „Das dynastische Prinzip dürfte inzwischen seine Schwächen gezeigt haben.“ Der alte Sturm, die alte Müh’?

Brisant und nicht ungefährlich wird das Ganze durch die Verknüpfung: der Kunstkritik mit der Dynastiedebatte, der Verantwortungsfrage mit den üblichen atridischen Affekten. 2013 endet Nike Wagners Vertrag als Leiterin des Kunstfestes in Weimar, und allem kulturpolitischen und finanziellen Anschein nach wird sie ihn nicht weiter verlängern. Es muss trotzdem erlaubt sein, auch und gerade auf dem Grünen Hügel, sich als junge Festspielleitung zu irren, Fehler zu machen und diese vielleicht sogar offen zuzugeben – ohne gleich das blanke Messer zwischen den Rippen zu spüren.

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