Kultur : „Na unde? Wen interessierte?“

Von Denis Scheck, Literaturkritiker

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal im Monat die „Spiegel“Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – nach der Sommerpause wieder parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“.

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
 Service Online bestellen: "Zorro"
10) Isabell Allende: Zorro (aus dem Chilenischen von Svenja Becker, Suhrkamp, 444 Seiten, 22,80€)

Ein zunächst kurzweiliger, dann nur noch zäher Historienschmöker über die Abenteuer von Diego de la Vega alias Zorro, der in Allendes Version ein Mestize ist und voller Stolz auf sein indianisches Erbteil. Doch unter all den Riposten und Konterriposten, Finten und Paraden kommt Allende recht bald die Spannung abhanden, und wenn die Erzählerin auf Seite 273 schreibt: „Ich fürchte, diese Erzählung ist mir etwas lang geraten“, wird ihr niemand widersprechen.

 Service Online bestellen: "Molwanien"
9) Santo Cilauro/Tom Gleisner/Rob Sitch: Molwanien (Deutsch von Gisbert Haefs, Heyne, 176 Seiten, 14,90€)

Ein fiktiver Reiseführer über ein osteuropäisches Alptraumland, dessen ebenso unfreundliche wie kriminelle Bewohner arglose Touristen auf Schritt und Tritt neppen und mit ungenießbaren Spezialitäten traktieren. Kathartischer Nebeneffekt der Lektüre: Man erkennt, dass Deutschland heute in vielen Ecken Molwanien schon aufs Haar gleicht.

 Service Online bestellen: "Der Schwarm"
8) Frank Schätzing: Der Schwarm (Kiepenheuer & Witsch, 1008 Seiten, 24,90€)

Was passiert, wenn eine infantile Menschheit feststellen muss, dass sie ihr Kinderzimmer Erde in Zukunft mit einer zweiten Intelligenz zu teilen hat? Schätzings Ausflug in die faszinierend unbekannte Welt tausende Meter unter dem Meeresspiegel ist in jeder Beziehung ein Unterhaltungsroman mit Tiefgang.

 Service Online bestellen: "Antonio im Wunderland"
7) Jan Weiler: Antonio im Wunderland (Kindler, 272 Seiten, 16,90€)

Kann ein Roman schlecht sein, dessen erster Satz lautet: „Hollywoodschaukeln gehören zu jenen Dingen, die nicht in Würde altern können.“? Die schiere Macht des Realismus rettet diesen sehr komischen Roman über eine deutsch-italienische Familie, der sich zwar ein wenig zu sehr auf den „Isch-abe-garkein-Audo“-Charme der Hauptfigur Antonio verlässt, dafür aber randvoll mit feinen Beobachtungen aus dem niederrheinischen Kleinbürgermilieu steckt. Ist große Literatur? Nein. Aber wie Antonio sagen würde: „Na unde? Wen interessierte?“

Service Online bestellen: "Hectors Reise"
6) Francois Lelord: Hectors Reise (Deutsch von Ralf Pannowitsch, Piper, 192 Seiten, 16,90€)

Ein an Wohlstandsüberdruss leidender Psychiater aus Paris möchte seinen an Wohlstandsüberdruss leidenden Patienten entfliehen und geht auf Weltreise, an deren Ende ihm die Erkenntnis zuteil wird, dass zwischen ihm und dem Glück sein Wohlstandsüberdruss steht. Auch zwischen uns Lesern und dem Glück steht etwas, nämlich die 192 Seiten dieser Bibel der Binsenweisheit.

Service Online bestellen: "A long way down"
5) Nick Hornby: A Long Way Down (Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann, Kiepenheuer & Witsch, 342 Seiten, 19,90€)

In einer Silvesternacht in London treffen sich vier Lebensmüde auf dem Dach eines Hochhauses und halten sich gegenseitig vom Selbstmord ab. Hornby erzählt die Geschichte seines Quartetts aus wechselnden Perspektiven, nie rührselig, aber trotz aller „Harold-&-Maude“-Pointen etwas mechanisch und vorhersehbar. Nicht nur Kölner Leser werden sich dabei ertappen, wie sie beim Lesen unwirsch „Jode Fründe stan zosamme“ pfeifen.

Service Online bestellen: "Beweise, dass es böse ist"
4) Donna Leon: Beweise, dass es böse ist (Deutsch von Christa E. Seibicke, Diogenes, 392 Seiten, 19,90€)

Commissario Brunetti ermittelt den wahren Mörder einer alten Nervensäge, die mit ihrem auf volle Lautstärke gedrehten Fernseher jahrelang die Nachbarschaft terrorisiert. Doch wen interessiert an diesem subtilen und liebevoll erzählten Längsschnitt durch die venezianische Gesellschaft schon ein banaler Mord? Leons neues Buch beweist, dass ein Serienkrimi das Gegenteil von Dutzendware sein kann.

Service Online bestellen: "Diabolus"
3) Dan Brown: Diabolus (Deutsch von Peter A. Schmidt, Lübbe, 524 Seiten, 19,90€)

Ein fader Techno-Thriller über einen Superrechner, ein Supervirus und viel zu viele amerikanische Supermänner: Computerschrott.

Service Online bestellen: "Sakrileg"
2) Dan Brown: Sakrileg (Deutsch von Piet van Poll, Lübbe, 605 Seiten, 19,90€)

Eine schöne Widerlegung der These, beim Schreiben käme es auf den Plot nicht an: In „Sakrileg“ sind die Charaktere genauso platt und die Sprache nicht weniger quälend wie in „Diabolus“. Nur ist die Handlung um den Heiligen Gral, die Kinder von Jesus Christus und ein über Jahrtausende gehütetes Geheimnis so packend, dass kaum jemand dieses Buch vor der letzten Seite aus der Hand legen wird.

Service Online bestellen: "Harry Potter, Bd. 6"
1) J.K. Rowling: Harry Potter and the Half-Blood Prince (Bloomsbury, 607 Seiten, 26,30€)

Eigentlich hält dieses sechste Abenteuer alles bereit, was Potter-Lesers Herz begehrt: eine furiose Anfangsszene mit dem Premierminister der britischen Muggles, reichlich Magie, spannendes Squidditch und nicht zuletzt die sehr schöne Erfindung der „Horcruxes“, Objekte, in denen Lord Voldemort Teile seiner Seele deponiert und die man als Metapher für die Form des Romans selbst lesen darf. Wenn man am Ende dieses sechste Abenteuer von Harry Potter doch leicht enttäuscht zuklappt, dann vielleicht nur aus Trauer um eine verpasste Chance: Hier hätte aus einem Kinderbuch große Literatur entstehen können. Tolkien besaß diesen Mut, Rowling nicht, sie geht leider auf Nummer Sicher.

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