Kultur : Nabel der Musikwelt

Der Autor dieser Zeilen ist sich durchaus bewusst, dass es sich um höchst brisantes Zahlenmaterial handelt. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn die Informationen in falsche Hände oder gar Hälse gerieten. Es soll nämlich um ein schier unglaubliches Faktum gehen, dessen Verkündigung eigentlich stilgerecht von einem Tusch begleitet werden müsste: Von den 560 Berufsorchestern, die weltweit aktiv sind, spielen 133 in Deutschland! Die Bundesrepublik leistet sich also fast ein Viertel aller dauerhaft in Lohn und Brot stehenden Profimusiker. 10 000 erstklassig ausgebildete, dank eines Flächentarifvertrags durchaus anständig bezahlte Frauen und Männer, die in den Theatern von Flensburg bis Ulm, von Aachen bis Cottbus in den Orchestergräben sitzen, die bei weltberühmten Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern oder Barenboims Staatskapelle spielen, aber eben auch im Kammerorchester Prenzlau, den Bochumer Symphonikern oder der Erzgebirgischen Philharmonie Aue.

12 684 Klassik-Veranstaltungen fanden in der Saison 2007/08 in Deutschland statt. Von wegen Land der Dichter und Denker! Rund um den Globus wird unsere Kulturnation heute zu allererst mit klassischer Musik verbunden – kein Wunder, dass sich die hiesigen Orchester immer mehr zu Exportweltmeistern mausern: Um stolze 17 Prozent ist die Zahl der Auslandseinsätze in den letzten vier Jahren gestiegen, an 614 Abenden waren deutsche Ensembles in der vergangenen Spielzeit als musizierende Botschafter unterwegs.

Warum diese berauschenden Zahlen jeden Fan von Mozart, Beethoven und Co. nicht nur glücklich machen, sondern eben auch ein Risiko bergen? Nun ja, wenn die Thilo Sarrazins dieser Republik mitbekommen, dass sich die Chinesen bei einer Gesamtbevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen gerade einmal 43 Orchester leisten, bei uns aber statistisch auf 620 000 Einwohner eine fest beim Staat angestellte Musikertruppe kommt, dann könnte das zu fatalen Schlussfolgerungen führen.

Darum sei hier allen Finanzpolitikern zugerufen: Es kann ja nicht immer nur darum gehen, auf internationalem Niveau mitzuhalten. Manchmal darf man ruhig auch mal stolz darauf sein, deutlich über dem Durchschnitt zu liegen.

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