Kultur : "Nabucco" in Saarbrücken - nur fast in der Regie von Johann Kresnik

Joachim Lange

Wenn Johann Kresnik inszeniert, warten alle auf den Skandal. Manchmal - wie bei seinem Burgtheaterspektakel "Wiener Blut" - wird der mehr herbeigeredet und -geschrieben. In Saarbrücken schmissen er und sein Team jetzt mit ziemlich wüstem Gepolter den Regiebettel nach der Generalprobe hin. Und so musste denn der Saarbrücker Generalintendant Kurt Josef Schildknecht bei der Premiere vor den Vorhang treten und sich dem öffentlich gemachten Vorwurf mangelnder Professionalität an seinem Haus entgegenstellen. Kresniks hinlänglich bekannter Regieabsolutismus und die wohl zu wenig darauf vorbereitete Geruhsamkeit an der Saar waren kollidiert.

Vom Resultat her ist das Zusatztheater jedoch nicht nachvollziehbar. Denn die szenische Deutung weist ihren Schöpfer - jedenfalls bis zur Generalprobe - als bemerkenswerten Opernregisseur aus. Obwohl Kresnik in seiner ersten Begegnung mit dem Genre "Fidelio" in Bremen auf die Werft verlegte und damit viel Widerspruch provozierte, hat seine Arbeit dort inzwischen Kultstatus erreicht. Auch das Saarbrücker Opernensemble ist mit den Turbulenzen, zu denen auch ein am Tag vor der Premiere zu ersetzender Titelheld gehörte, professionell fertig geworden. Mit seiner zweiten, diesmal nicht "autorisierten", Opernregie hat Kresnik zwar nicht ganz die wuchtige Geschlossenheit wie bei Beethoven erreicht, aber es ist ein Verdi von spannender Heutigkeit - mit verblüffenden und wirkungsvollen Bildern und einem gebändigten, fast poetischen Einsatz seiner Mittel.

Die Hebräer sitzen sich am Anfang auf zwei Tribünen gegenüber. Nackte Männer salben genussvoll ihre Körper. Dazu zeigt Kresnik Filmsequenzen des Terrors, wenn von Gewalt und Bedrohung gesungen wird. Ist von Liebe die Rede, flimmern Liebesszenen aus der gesamten Filmgeschichte über die Leinwand. Manchmal verstärkt Kresnik, manchmal bricht er bewusst das Pathos und die große Operngeste der Musik. Er reibt sich damit auch am Genre, das ihn und seine unbändige Phantasie letztlich produktiv in Zeit und Form zwingt.

Der Beginn des dritten Aktes ist ein Coup: Er führt in einem Hofbräuhausgarten der Gegenwart. Abigaille lässt sich wie Evita im weißen Ballkleid verherrlichen von der gefährlich biederen Trachtengesellschaft, die dann unter die weißblau geschmückten Tische abtaucht, um mit Gasmaske auf dem Kopf den Gefangenenchor mit großem Ernst in Dirndelkostümierung zu singen. Schon das macht Eindruck. Ein Zwischenvorhang zeigt danach an, dass der Wunsch des Regisseurs, hier die "Internationale" als Antwort einzuspielen, am Veto des Generalmusikdirektors Olaf Henzold scheiterte . . .

Kresniks Metaphorik enthält sich der aggressiven Überdeutlichkeit auch beim direkten Bezug zum heutigen Nahen Osten. Und das bekommt ihr. Die Manipulierbarkeit der Massen durch machthungrige Anführer ist sein Thema. Das gilt für Abigaille und vor allem für Zaccarias (Magnus Baldvinsson), der alle Register zieht, um die Hebräer zu motivieren. Dass er als Arzt erscheint, deutet auf die Halbgötter in Weiß, denen gläubig gefolgt wird. Und so wird nicht zwischen verschiedenen Völkern oder Gruppen, sondern zwischen Zuständen der gleichen Masse gewechselt. Vor allem hier, aber auch in der Art, wie Fenena (Maria Pawlus) auf einem roten Löwen mit Hammer-und-Sichel-Tatoo platziert ist, lässt sich die Wut Kresniks ahnen über die gescheiterten Utopien.

So wird die Freiheitsstatue im Filmschlussbild zu einem Zeichen zwischen wiedergewonnener Hoffnung und eher zynischer Resignation. Der Jubel war einhellig nicht nur für die grandiose Abigaille, mit deren Verve und stimmlicher Strahlkraft Georgina Benza zum Star des Abends wurde, sondern auch für ein hervorragendes Ensemble, einschließlich der sich gut fügenden Schnelleinspringer, vor allem Giancarlo Pasquetto als Nabucco. Er hatte zwar Mühe, den Wahnsinn des Königs in der Maske des McDonald-Clowns zu beglaubigen, aber die distanzierte Routineprofessionalität des Italieners kollidierte nicht allzu sehr mit der Anlage der Rolle. Mit dem, was am Ende zu sehen war, müssten eigentlich beide Seiten leben können.

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