Kultur : Nach 60 Jahren

Denn es waren nicht erst das Kriegsende und die Teilung, die die Staatlichen Museum in ihr abenteuerliches Schicksal hineinrissen.Schon mit Kriegsbeginn wurden sie geschlossen.Alles das, was die Stadt heute noch mitformt, stand noch aus, stand ihr noch bevor - die Zerstörung durch die Luftangriffe und den Wahnsinn der Schlacht um Berlin, die Teilung, der Wiederaufbau, der ihr Gesicht nach Ost und West kehrte, die Brachzone der Mauer, die sie in ihrer Mitte paralysierte, auch ihr Verlust an Bedeutung und Substanz.Es ist diese Perspektive, der Bogen über bald sechzig Jahre zurück, die der Eröffnung der Gemäldegalerie den historischen Horizont gibt.Aber zu einer Galerie gehören auch ihre Besucher.So mag man sich die Generationen, die vor diesen Bildern standen, als Teil jener Geschichte vor Augen halten, die diese Sammlung hatte.Ganz verweht jene, die noch in den alten Sälen gewesen sind, unsere Väter, Vorväter, Vorfahren, herausgewachsen aus der Welt des alten Berlin, Zeitgenossen der nicht mehr geheuren Vorkriegsjahre.Und die anderen, nach dem großen Bruch, die west-berliner Sonntags-Pilgerer nach Dahlem, die ost-berliner Besucher in den rauchgeschwärzten, mühsam erneuerten Bauten des Bode-Museums und der Nationalgalerie? Es war ja nicht nur, daß sie nicht das Ganze sehen konnten, daß mithin das Erlebnis gebrochen war, das ein solches, lange gewachsenes Schatzhaus eines unverlierbaren Besitzes vermittelt.Sie selbst trugen andere Erfahrungen, Geschichten, Biographien vor die Welt der Bilder.Sie lebten mit dem Regiment der Reglementierung oder mit dem Hauch der weiten Welt, die wahrhaftig nicht nur die Museums-Welt war.Sie machten gleichwohl die alten Erlebnisse, die jede Generation neu erfährt, in jeder Gesellschaftsform - die des Schönen, der beglückenden Gegenwelt der Kunst und der vielen Vergangenheiten, die sie bewahrt.Museen sind ja Stätten des festgehaltenen Gedächtnisses, und mit der Eröffnung der Gemäldegalerie tritt ein bedeutendes Stück bewahrter Vergangenheit in ein neues Leben.Widmen wir also auch ein kurzes Erinnerungsblatt denen, die sich hier die Augen voll sahen - dem jungen Mann von 1939, mit seinen kahlen Schläfen, schon auf dem Weg in den Krieg, der jungen Frau aus Ost-Berlin, Zeitgenossin der Jahre, in denen die Teilstadt zur Teilstaat-Hauptstadt zurechtgebogen wurde - und die so wenig Chancen hatte, Martin Schongauers "Geburt Christi" ein paar Kilonmeter westwärts zu sehen -, dem treuen Museumsgänger aus Zehlendorf, vom Nachkriegsgeschick begünstigt, aber die geteilte Stadt im Rücken. Rdh.

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