• Nach all den Teilungen und Trennungen - es wird Zeit, dass wir uns auf den privaten Goethe stürzen (Leitartikel)

Kultur : Nach all den Teilungen und Trennungen - es wird Zeit, dass wir uns auf den privaten Goethe stürzen (Leitartikel)

Hellmuth Karasek

Immerhin: Pünktlich zu seinem 250. Geburtstag steht Goethe auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Da soll noch einer sagen, für uns seien unsere Klassiker nur noch Namen, um mit Goethe zu sprechen: Schall und Rauch. Allerdings ist es kein Werk des ersten deutschen Bestsellerautors ("Werther"), das am besten verkauft wird, es ist ein Sachbuch über Goethe, genauer noch: ein Sachbuch über Goethe und Christiane Vulpius, die erst, ein Skandal am Hofe Weimars, seine Geliebte und uneheliche Mutter seines Sohnes war, und erst zum Schluss seine Frau.

Wir lesen also nicht Goethe. Wir lesen über Goethe. Uns interessieren nicht seine Gedichte, deren Reichtum an Gefühl, Überschwang, deren Bangen, Zittern, Sehnen, deren Verzweiflung und Todesfurcht die deutsche Sprache vertieft, geschmeidig und bunt, vielfältig gemacht hat - und, nicht zu vergessen: das deutsche Lied, die zarteste Schöpfung romantischer Musik, beflügelt, ja mitschuf. Uns beschäftigen kaum die Romane oder gar die edel gedrechselten Verserzählungen. Mit Ausnahme des "Werther" hat man seine Romane ohnehin kaum gelesen. Und auch die Dramen, von der Trias Faust, Tasso, Clavigo abgesehen, sind unseren Bühnen fremd. Wir leben in keiner Goethe/Schiller-Zeit.

Aber die Person ist es, die uns interessiert, ja fasziniert. Rudolf Augstein schließt seinen Jubiläumsaufsatz über den politischen Goethe (er war unpolitisch) und den Privatmenschen Goethe (die kalte Inszenierung seiner selbst) mit dem ungeheuerlichen Resümee: "Keine Frage, sein Werk - allen voran der Faust - enthält großartige Passagen. Das eigentliche Kunstwerk aber war und ist Goethe selbst." Wie gesagt, ein ungeheuerliches Urteil, nicht frei von gnädiger Herablassung, aber dennoch wahr - für den historischen Augenblick des 250. Geburtstages zumindest.

Auf den ersten Blick bemühen sich dabei fast alle, Goethe von dem Sockel zu stürzen, auf den ihn die Bildungsbürger-Verehrung gehievt hat. Wir erfahren, dass der Schöpfer der Gretchen-Tragödie eine Kindsmörderin in Weimar mit zum öffentlichen Tod verurteilte. Dass der Liebling der Frauen lange ein eher verklemmter Bursche war. Dass der Ehemann ein fressgieriger, weinseliger Nestflüchter war, der Freund oft kalt und berechnend, der Arbeitgeber (siehe Eckermann) knausrig und rücksichtslos, der Hofmann eitel , der Theaterdirektor nicht immer von bestem Geschmack. Und schließlich der Greis: Macht sich lächerlich, indem er um eine Siebzehnjährige freit.

So gesehen ist der imponierendste Lebenslauf eines deutschen Dichters im Jubiläumsjahr ganz schön heruntergeschraubt worden, so sehr, dass Bundespräsident Herzog, gleichsam zum Abschied, befand, Goethe sei kein Vorbild für die Jugend. Doch sollte man erkennen, dass dieser Denkmalssturz in Wahrheit eine Rettung des Dichters darstellt - zumindestens einen Rettungsversuch. Indem er aus seiner schier unmenschlichen Entrücktheit down to earth geholt wird, könnte sich die Chance eröffnen, Goethe wieder zu lesen: weil er nicht, wie gemutmaßt, griechische Marmorstatuen aus Sprache formt, "verteufelt human" ist, sondern weil er in einer betörend-bezwingenden Sprache davon spricht, wo wir zu Hause sind: in Glanz und Elend, Furcht und Freude, Verzweiflung und Resignation.

Man soll Feste feiern, wie sie fallen. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Der 200. Geburtstag, 1949, fiel ins Jahr der endgültig scheinenden Teilung Deutschlands. Auch Goethe wurde geteilt, in einen Frankfurter und einen Weimarer Goethe. Thomas Mann war es, der damals mit seiner Goethe-Rede in Frankfurt und Weimar eine Klammer zu schaffen suchte: Goethe, ein gemeinsames Dach. Das haben wir heute nicht mehr nötig - und können uns auf das Private stürzen, auf den privaten Goethe.

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