Kultur : Nach dem Endspiel in die Oper

Frank Dietschreit

Es ist eines der ungewöhnlichsten und rechercheaufwändigsten Projekte in der Geschichte des Kulturfernsehens. Nach anderthalb Jahren archivarischer Spurensuche und Sichtung von rund 2500 Film-Dokumenten ist die sechsteilige Dokumentarreihe "Das Jahrhundert des Theaters" entstanden. Zu sehen sein werden die je einstündigen Filmessays, die "Theatergeschichte als Zeit- und Kulturgeschichte" lesen (so ZDF-Direktor Gottfried Langenstein), ab Sonntag, 7. April in 3sat und ab Samstag, 6. April im ZDF-Theaterkanal. Erste Appetithäppchen dieses opulenten Theatermahls wurden nun im Berliner Emsemble gezeigt.

Ein passender Ort. Denn im Theater am Schiffbauerdamm hat nicht nur Brecht den politischen Verhältnissen den epischen Spiegel vorgehalten. Auch Hausherr Claus Peymann hat sich oft als Reißzahn im Hinterteil der politisch herrschenden Klasse verstanden. Dass sein Traum von einem Theater, das politische Wirkungen erzielt, in diesen Tagen auf groteske Weise Wirklichkeit wurde, findet er eher "kümmerlich und schrecklich". Der schlecht gespielte Aufstand der politischen Kleinbürger im Bundesrat ist für ihn nur "närrisches Theater", rüpelhaft, aber harmlos.

Dass die Inszenierung der Politik mit theatralischen Mitteln oft sehr viel weniger harmlos war und verheerende Auswirkungen hatte, zeigt die zweite Folge der Fernseh-Dokumentation "Spiele der Diktaturen" auf oft bestürzende Weise. "Dass das Theater die Politik und die Politik das Theater entdeckt und mit theatralischen Mitteln agiert", war denn auch für Peter von Becker, Autor der sechsteiligen Dokumentation und Tagesspiegel-Feuilletonchef, eine der Herausforderungen des Projekts. In "Spiele der Diktaturen. Theater zwischen 1933 und 1945", wird mit zum Teil bisher unbekannten Dokumenten erzählt, wie Theaterkünstler in den Konflikt zwischen Widerstand und Anpassung gerieten. Und wie Stalin, Hitler und Mussolini ihr öffentliches Selbstbild mit theatralischen Stilmitteln inszenierten. Zu entdecken galt es, so von Becker, "was hinter der Ikonographie der vermeintlich vertrauten Bilder steckt". So erfährt man beispielsweise, was die deutsche und die sowjetische Regierungsdelegation machten, nachdem sie 1939 den Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet hatten: In die Oper gingen sie, um Wagners "Ring des Nibelungen" zu sehen, inszeniert vom einstigen Film-Revolutionär Sergej Eisenstein.

Um Theatergeschichte auf der historischen Folie des Jahrhunderts und die Bühne als Spiegel und Vergrößerungsglas der Zeit zu verstehen, haben der Autor und seine Regisseure C. Rainer Ecke und Matthias Schmidt ein Wechselspiel aus Berichten von Zeitzeugen und Dokumenten der Zeit- und Theatergeschichte inszeniert, gesprochen von Otto Sander und Esther Schweins. Neben sachthematischen Folgen wie "Die Geburt der Regie - Die europäische Theateravantgarde vor und nach dem Ersten Weltkrieg" oder "Die Kinder von Marx und Coca Cola - Das Theater der Revolte" (über die wilden Sixties) hat man zwei Jahrhundert-Figuren gegeneinander gestellt: "Planspiel oder Endspiel" porträtiert die Antipoden Bertolt Brecht und Samuel Beckett. Beiden persönlich begegnet ist George Tabori. Der Theaterzauberer ließ es sich nicht nehmen, den Nachmittag im BE mit schönen Brecht- und Beckett-Anekdoten zu würzen. So wissen wir jetzt, dass Beckett seinen "Godot" als "Old Hat" verspottete. Das sieht Harald Schmidt, der gerade als Lucky im Bochumer "Godot" Triumphe feiert, bestimmt ganz anders.

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