Kultur : Nach dem Enthusiasmus Dichter und Denker werbeninParisfürEuropa

Roman Luckscheiter

Die armen Franzosen! Wenn Sie am 29. Mai zur Volksabstimmung über die europäische Verfassung gehen – oder auch nicht –, liegt auf ihren Schultern die Zukunft Europas. Ein Nein, wie es Umfragen derzeit für wahrscheinlich halten, würde den europäischen Einigungsprozess zurückwerfen und jene Mitgliedstaaten, in denen die Angelegenheit nur parlamentarisch verhandelt wird, in einen Zustand der Lähmung versetzen. Entsprechend besorgt ist Staatspräsident Jacques Chirac, der auf die Idee gekommen war, den Weg in die konstitutionalisierte Gemeinschaft über ein Instrument der direkten Demokratie zu ebnen.

Nun lässt er keine Gelegenheit aus, sein Volk zu einem Ja zu überreden: Fernsehansprachen genügen da nicht. In dieser Situation scheinen nur die Intellektuellen noch helfen zu können. Da neben innenpolitischen Gründen vor allem die Angst vor einem nur noch über die Wirtschaft sich definierenden Europa zur negativen Stimmung beiträgt, lud man diese Woche zur „Begegnung für ein Europa der Kultur“. Mehr als 500 Künstler und Philosophen aus 25 Ländern trafen zusammen, um sich über europäische Identität oder die europäischen Wurzeln der eigenen Arbeit auszutauschen. Aus Deutschland standen Thomas Ostermeier, Herbert Grönemeyer und Peter Sloterdijk auf der Rednerliste, wobei letzterer viel Beifall erhielt, nachdem er sich als einer der wenigen direkt zum Referendum äußerte. Ein „von vielfachem Nein gesättigtes Ja“ werde der „post-enthusiastischen Ära“, in der sich Europa längst befinde, den sinnvollsten Tribut zollen.

Über einen Mangel an europäischer Solidarität kann sich Frankreich derzeit nicht beklagen. Insbesondere über die Ostgrenze dringen flehende Appelle, den Kontinent Ende Mai mit einem Ja voranzubringen. Nach dem Paris-Besuch des deutschen Kanzlers erlebten die Franzosen vor wenigen Tagen per Zeitung Nachhilfeunterricht in europäischer Sicherheit: Von Günter Grass, Jürgen Habermas, Klaus Harpprecht, Gesine Schwan und einigen mehr erfuhren sie, warum eine Ablehnung des Verfassungsvertrags „katastrophale“ Auswirkungen hätte. Bei einem gallischen Nein verlören die Deutschen nämlich ihre komplette Orientierung, hätten sie bisher doch immer gelernt, Europa ließe sich nur mit Frankreich realisieren. Besonders ungemütlich wird es, wenn die Unterzeichnenden den Franzosen dann auch noch Angst vor ihren Nachbarn machen wollen. Frankreich müsse der Verfassung zustimmen, um Polen nicht zwischen dem vereinigten Deutschland und Russland alleine zu lassen. Da fragt man sich schon, ob es sich noch um europäische Solidarität oder um einen transnationalen Versuch der Volksverblödung handelt.

Rudolf Scharping äußerte kürzlich im „Figaro“ in einem „Brief an einen französischen Freund“ (vermutlich den Euroskeptiker Chevènement) die Hoffnung, im Sommer wieder gemeinsam mit ihm die Tour de France genießen und nach einer erfolgreichen Ratifizierung gelassen über Europas Zukunft plaudern zu können. Umfragen zufolge teilen inzwischen etliche seinen Optimismus – ob mit oder ohne die Intervention der Dichter und Denker.

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