Kultur : Nach dem Erdbeben: Eine Tragödie nach der anderen

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Jürgen Heppe bringt es auf den Punkt. "Das Problem ist die Entwaldung." Heppe weiß, wovon er spricht. Der Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes arbeitet mit Unterbrechungen seit 1982 in der Gegend, jetzt ist er zuständig für die Koordinierung der ausländischen Hilfe durch das Rote Kreuz. Er weiß, dass die Erdbebenkatastrophe auch eine Umweltkatastrophe ist. "Nur weil die Wälder und Hänge abgeholzt wurden, hat das Erdbeben so schwerwiegende Folgen", sagt Heppe. Die vielen Dörfer sind vor allem durch Schlammlawinen zerstört worden. Nicht durch das Erdbeben selbst. Doch das Erdbeben hat die Hänge ins Rutschen gebracht. Und da El Salvador für ein mittelamerikanisches Land ungewöhnlich dicht besiedelt ist - 6,4 Millionen Menschen auf 21 000 Quadratkilometer -, sind nun um so mehr Menschen betroffen. Vor allem Arme.

Mehr als die Hälfte der Salvadorianer lebt in Armut. Jeder vierte Erwachsene kann nicht lesen und schreiben. Der größte Teil des fruchtbaren Landes ist im Besitz weniger reicher Familien, die über große Plantagen verfügen. Arm sind viele Menschen auch deshalb, weil von 1980 bis 1992 El Salvador von einem blutigen Bürgerkrieg zerrissen wurde. Die links gerichtete Guerilla "Nationale Befreiungsfront Farabundo Marti" kämpfte gegen die Herrschaft einer kleinen Oberschicht, die ihre Macht durch Militärdiktatur, Wahlbetrug und staatlichen Terror sicherte und von den USA unterstützt wurde.

"Mitch" kam nicht überraschend

Nun müssen die Menschen sich erneut mit einer Krisensituation auseinandersetzen. Und auch wenn Jürgen Heppe davon überzeugt ist, dass die örtlichen Behörden diese in den Griff bekommen können, zweifeln andere Experten. Als der verheerende Wirbelsturm "Mitch" Ende 1998 auch El Salvador heimsuchte, waren die Behörden alles andere als vorbereitet - obwohl "Mitch" nicht überraschend nach El Salvador kam. Er hatte sich schon zuvor eine Woche über Honduras ausgetobt. Damals berichteten Journalisten, dass sie schon drei Tage vor dem Eintreffen der Regenfront Wetterkarten gesehen hätten, die den Verlauf des Hurrikans gut voraussagten.

Im Nationalen Notstandskomitee wusste man auch von den reißenden Strömen und den Schlammlawinen, die es in den Nachbarländern gegeben hatte. Und man wusste auch von den eigenen gefährdeten Gebieten. Gegenden, in denen die Ärmsten der Armen an Hängen in Blech- oder Holzhütten siedeln müssen, Gegenden, wo die Menschen die Wälder abholzen, um an Brennmaterial zu kommen. Als "Mitch" dann auch in El Salvador angekommen war, waren trotz aller Vorwarnungen keine Armenviertel geräumt worden.

Jürgen Heppe ist dennoch optimistisch. Immerhin sei es für ihn und seine Mitarbeiter kein Problem gewesen, Hilfskonvois ohne die üblichen Zollkontrollen von Honduras nach El Salvador zu bringen. Heppe selbst machte sich am Montagmittag von Honduras auf den Weg nach San Miguel, östlich der Hauptstadt San Salvador gelegen. Dort soll auf Wunsch der Regierung und mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes ein Zelthospital entstehen. Zudem bereiten sich die Rote-Kreuz-Helfer bereits darauf vor, für Hunderte obdachlose Familien Notunterkünfte einzurichten. Heppe: "Unsere Arbeit beginnt jetzt erst."

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