Kultur : Nach dem Erdbeben: Verschüttet

Stefanie Kron

Beifall brandete auf und Freudenrufe hallten nachts durch die Gemeinde Las Colinas in El Salvador: In der vom Erdbeben in einen riesigen Friedhof verwandelten Siedlung aus Einfamilienhäusern zogen Helfer einen jungen Mann lebend aus den Erdmassen. Mehr als 30 Stunden hatte der Musiker ausgehalten. Zum Schluss spürte er seine zwischen Betonblöcken eingeklemmten Beine schon nicht mehr. Nach der wundersamen Rettung habe er ganz still auf der Trage gelegen und nur fassungslos um sich geschaut, berichtete die Zeitung "Diario de hoy". Solche Erfolge bei der Rettung Verschütteter dürften jedoch immer seltener gelingen. Die Bergung der Vermissten ist ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen den Tod.

"Die Folgen des Erdbebens in El Salvador werden ähnliche Ausmaße annehmen wie beim Hurrikan Mitch 1998", vermutet Katja Maurer. Die Mitarbeiterin der Frankfurter Organisation medico international ist seit Samstagvormittag rund um die Uhr damit beschäftigt, Kontakt zu lokalen Partnerorganisationen aufzunehmen und Informationen über den Stand der Rettungsarbeiten zu erhalten. Das ist jedoch mehr als schwierig. In weiten Teilen des kleinen Landes sind Telefonnetz und Stromversorgung zusammengebrochen, Straßen verschüttet und Brücken eingestürzt. Ganze Orte sind von der Außenwelt abgeschnitten. Die Nationalpolizei vermutet, dass noch etwa ein Dutzend Dörfer unter Schlamm und Geröll verschüttet sind.

Die Zahl der Todesopfer dieses schwersten Erdbebens in Mittelamerika seit über 20 Jahren ist auf über 400 gestiegen; Tausende könnten noch unter den Trümmern liegen, wird befürchtet. Die Zeit wird knapp. Obwohl der salvadorianische Rettungsdienst COEN und die Armee rund um die Uhr im Einsatz sind, geht es nur schleppend voran. Die Teams sind schlecht ausgerüstet und es fehlt an Hubschraubern, um in die unzugänglichen Gebiete zu gelangen. In einigen Orten müssen die überlebenden Bewohner mit bloßen Händen nach ihren Angehörigen graben. Zusätzlich werden die Bergungsarbeiten durch ständige Nachbeben erschwert. COEN-Chef Mauricio Ferrer ist der Verzweiflung nahe: "Zeitweise folgten die Nachbeben in zweiminütigem Abstand aufeinander." Bislang sind den Angaben der Nationalpolizei zufolge landesweit 8000 Häuser komplett zerstört, 17 000 weitere wurden beschädigt. Unzählige Menschen wurden obdachlos oder schlafen in ihren Gärten und in öffentlichen Parks, aus Angst vor den Nachbeben.

Das Epizentrum des Bebens lag nach Angaben von Seismologen zwar vor der hügeligen Pazifikküste El Salvadors. Doch alle Länder Mittelamerikas - Nicaragua, Honduras, Guatemala und Costa Rica - einschließlich des Südens Mexikos sind betroffen.

Das größte Ausmaß hat die Tragödie jedoch in Las Colinas angenommen. Die Siedlung von Arbeitern und kleinen Angestellten lag am Fuße der Hügel-Cordillere Balsamo, die abrutschte und 500 zum Teil dreistöckige Häuser unter 15 Metern Schlamm begrub. Von den 2000 Bewohnern des Ortes sind 800 verschüttet, 200 Tote konnten die Rettungsdienste bisher bergen. Doch schon jetzt macht die Bestürzung der Überlebenden der Wut Platz. Sie sehen in dem Unglück nicht nur eine Naturkatastrophe, sondern einen politischen Skandal. Julio Fernandez aus Las Colinas, dessen Haus wie durch ein Wunder unversehrt blieb, ist mehr als aufgebracht: "Unverantwortliche Baunternehmer sind schuld an dem, was hier passiert ist." Seit einigen Jahren ignorierten diese die Warnungen und Sicherheitsvorschriften der Behörden für die extrem erdbebengefährdete Gegend und roden den Wald rund um Las Colinas für Luxusvillen und Zufahrtsstraßen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben