• Nach dem Krieg stieg Rolf Kühn zum ersten deutschen Jazz-Weltstar auf - heute feiert er seinen 70. Geburtstag

Kultur : Nach dem Krieg stieg Rolf Kühn zum ersten deutschen Jazz-Weltstar auf - heute feiert er seinen 70. Geburtstag

Maxi Sickert

Ein Zimmer mit Aussicht. Im oberen Teil der weißgestrichenen Finca auf Ibiza geht der Blick über Meer und Berge. An der breiten Fensterfront steht ein Klavier, direkt daneben ein Fernseher mit Videorekorder. Stumme Bilder laufen ab, durchbrochen von festgelegten Zeitreihen. Rolf Kühns Hände liegen auf den Tasten, der Blick auf dem Bildschirm. Er komponiert die Musik für ein Fernsehspiel mit Iris Berben, das Anfang nächsten Jahres gesendet wird. "Der Todesflug". Auf dem Tisch liegen Noten, dazwischen sein letztes Album mit Randy Brecker, Albert Mangelsdorff und Ornette Coleman, "Rolf Kühn & Friends".

Wer durch die Günzelstraße im gemütlich-verschlafenen Wilmersdorf läuft, würde vielleicht nicht vermuten, dass auch hier Musik komponiert wird. Im dritten Stock des hinteren Altbauflügels steht eines der drei Yamaha Pianos, mit denen Rolf Kühn arbeitet. Seine Hausmarke, wenn es um Klaviere geht. Die anderen beiden stehen auf Ibiza und in einem romantischen, blätterumrankten Haus auf dem flachen Land im Norden von Deutschland, kurz hinter Hamburg. Das Haus auf Ibiza teilt er sich mit Bruder Joachim, dem Jazzpianisten, dessen virtuoses und tierfkonzentriertes Spiel mit Keith Jarrett verglichen werden kann und der des Öfteren von Ornette Coleman nach New York eingeflogen wird. Einfach nur, um mit ihm in seinem Studio in Harlem zu spielen. Zu üben, Dinge zu entwickeln, auf andere musikalische Ebenen zu gelangen. Mit Joachim nahm Rolf Kühn das Duoalbum "Brothers" auf, das 1996 erschien. Es war nach langer Pause seine Rückkehr zum Jazz.

Rolf Kühn ist der Ältere, der Erste. Er war es, der Ende der fünfziger Jahre "auswanderte", wie er sagt. Raus aus dem engdenkenden, Adorno-geprägten Deutschland, wo der Jazz abfällig "Negermusik" genannt wurde. Sechs Jahre blieb er in New York. Zwei Jahre davon in der Band von Benny Goodman. Er war gut. Zu gut für Goodman, der selbst als bester Klarinettist gelten wollte. "Ein eitler und eifersüchtiger Mann", sagt Kühn heute. Doch es klingt freundlich und eher belustigt. Er spielte im "Smalls Paradise" in der 125. Straße oben in Harlem. Meistens war er der einzige Weiße, aber niemand störte sich daran. Es ging um die Musik. Kühn trat mit seinem eigenen Quartett auf dem Newport Festival auf und wurde von der New Yorker Jazz-Zeitschrift Down Beat zum besten Klarinettisten gewählt. Er war das Aushängeschild des deutschen Jazz. Der erste deutsche Jazzmusiker, der sich in Amerika Anerkennung erarbeitete.

Doch auch das war eine Schublade. Ende der sechziger Jahre brach Rolf Kühn ein weiteres Mal aus und befreite sich von den engen Erwartungshaltungen an den "neuen Benny Goodman". In Paris spielte er experimentell und ambitioniert mit Don Cherry und Michel Portal. Er stieg auf E- und Bass-Klarinette um und vertiefte sich mit seinem Bruder Joachim in kollektive Free-Jazz-Improvisationen, gründete sogar eine Free-Rock-Gruppe - immer bemüht, seine musikalischen und stilistischen Grenzen zu erweitern.

Die siebziger Jahre in Deutschland waren von einer starken Hinwendung zu amerikanischen Trends geprägt, kapselten sich aber zusehends vom dominanten Vorbild ab, um eine eigene Identität zu entwickeln. Die Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann und die Anfänge des Autorenfilms von Wim Wenders zeigen das ebenso, wie die politisch motivierten, aber auch psychodelischen und ironisch distanzierten Plattentitel von Rolf Kühn, die er "The Day After" oder "Total Space" nannte. Danach wandte sich Rolf Kühn zunehmend der Komposition von Fernsehfilmen, Serien und Musicals zu und leitete die Orchester des Thalia-Theaters in Hamburg und des Theater des Westens in Berlin. Ihn reizte die Verantwortung für Komposition und Arrangement großer Ensembles, die seine Zeit vollkommen ausfüllte und ihm die Möglichkeit bot, auch stilübergreifend zu arbeiten.

Rolf Kühn braucht nichts mehr zu beweisen. Mitte der neunziger Jahre hat er sich aus seinen Verträgen als Orchesterleiter gelöst, um eigene Projekte zu verwirklichen - Jazzprojekte. Seine neun Klarinetten sind alle aus Frankreich, aber nach wie vor ist er auf der Suche, nach einem hölzernen Rohr mit noch besserem Klang. Manchmal geht er in New York die 48. Straße hinunter, von der 7th Avenue nach Westen. Hier finden sich Instrumentenbauer und -geschäfte Tür an Tür. Manchmal findet er seltene Stücke aus den dreissiger Jahren, aber Rolf Kühn geht es nicht um den antiquarischen Wert, sondern um den Klang des Instruments, der für ihn ein wesentliches inhaltliches Element darstellt. Auch in einem Alter, in dem Andere in Pension gehen, lässt ihm die Musik keine Ruhe.

Sein Haus in der Nähe von Hamburg hat ein eigenes Aufnahmestudio. Hier wurden die Aufnahmen für die nächste Platte Kühns abgemischt, die Mitte Oktober erscheinen wird. Sie heißt "Inside Out" und ist ähnlich angelegt wie das 96er-Album "Affairs". Wieder hat Rolf Kühn nationale und internationale Musiker um sich versammelt, mit denen er sich in verschiedene Richtungen auseinandersetzt. Michael Brecker ist dabei, Lee Konitz und neben Joachim Kühn auch Till Brönner, der als junger deutscher Trompeter ebenfalls bereits international anerkannt ist und gerade in Berlin die Möglichkeit hatte, bei der Uraufführung von Daniel Barenboims Ellington-Projekt mitzuwirken. "Inside" sind die Basics, die Grundlagen des Jazz: Swing und Blues. Von da aus geht es dann "Out", zur freien Improvisation und zu weiterführenden musikalischen Einflüssen. Ein nachfolgendes Album ist auch schon geplant und wird im Februar nächsten Jahres eingespielt. Dann treffen sich die beiden Gitarristen Jim Hall und Pat Metheney mit Tenorsaxophonist Michael Brecker und einem noch nicht näher bestimmten, aber "internationalen" Bassisten im Haus von Klarinettist Rolf Kühn und verbringen dort ein paar Tage zusammen. "Wir werden gemeinsam essen und reden und wenn uns danach ist, gehen wir ins Studio. Vielleicht nachmittags, vielleicht auch nachts um drei." Heute wird Rolf Kühn 70. Er feiert in Hamburg. Ein schönes Essen mit Familie und Freunden, vielleicht bis nachts um drei. Wenn ihm danach ist.

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