Kultur : Nach dem Krieg

Steffen Richter

zieht mit den Vätern an die Front „Die Front“, heißt es bei Karl Kraus, „ist ins Hinterland hineingewachsen. Sie wird dort bleiben.“ Man muss Kraus, der seine Erfahrung aus dem Ersten Weltkrieg bezog, Weitsicht attestieren. Aus der Literatur ist der Krieg seither nicht wegzudenken – auch in Friedenszeiten. Denn als er zu Ende war, kamen die Väter nach Hause. Ihr Reden – und mehr noch ihr Schweigen – hatte in den Siebzigern ein neues literarisches Genre hervorgebracht: die so genannten „Väterbücher“. Dagmar Leupold schreibt diese Tradition mit „Nach den Kriegen“ (Beck) fort. Anhand der Tagebücher ihres Vaters nähert sie sich einem Mann, der als liberaler Studienrat der Nachkriegsjahre von seiner früheren NS-Begeisterung nichts mehr wissen wollte. Allerdings bleibt die Figur des Vaters bei Leupold ebenso unscharf wie die der Mutter in Michael Wildenhains „Russisch Brot“ (Klett Cotta). Hier versucht ein West-Berliner Junge, in fast detektivischer Manier das Geheimnis seiner Mutter zu ergründen. Und das liegt in einer Jugendliebe während der Kriegswirren verborgen. Beide Bücher erzählen also ein Stück Mentalitätsgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte, die doch vom Krieg gezeichnet sind. Am 13.4. lesen Leupold und Wildenhain in der Literaturwerkstatt (20 Uhr).

Dass der Krieg vorbei sei, dachte auch Rashid, der Protagonist aus Dorothea Dieckmanns „Guantánamo“ (Klett Cotta). Ob er nur zur falschen Zeit am falschen Ort war oder tatsächlich Verbindungen zu islamischen Terroristen unterhält, ist unklar. Sicher ist hingegen, dass sich die Autorin mit der Beschreibung seines Innenlebens auf äußerst schwieriges Terrain begeben hat. Dorothea Dieckmann liest am 14.4. im Literaturhaus (20 Uhr).

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