Kultur : Nach dem Skandal in Weimar entdecken Thüringer Museen wieder das einzelne Bild

Jörn Völkerling

Es hat nicht nur etwas mit Trotz zu tun, wenn gleich mehrere Thüringer Museen mit eigenen Ausstellungen zur DDR-Kunst auf den "Fall der Moderne" reagieren, wie ihn Weimar zeigt. Die Kraut-und-Rüben-Hängung der Bilder im dritten Teil "Offiziell - inoffiziell. Die Kunst der DDR" provozierte neben einem "Jetzt erst recht" auch das Bedürfnis, das einzelne Bild wieder zu seinem Recht kommen zu lassen. Neben gleich zwei Tübke-Retrospektiven in Erfurt und Bad Frankenhausen aus Anlaß seines 75. Geburtstages hat nun das Angermuseum Erfurt seinen Fundus gesichtet und stellt "Bildende Kunst aus der DDR" aus. Mit Spannung wird darüber hinaus "Kunstraum DDR", eine Auseinandersetzung über die Wert- und Qualitätsmaßstäbe ostdeutscher Kunst von Wolfgang Mattheuer über Otto Niemeyer-Holstein bis zu Hartwig Ebersbach, in Apolda im September erwartet. Kurator Matthias Flügge, der als Vizepräsident der Berliner Akademie der Künste den Weimarer Kunststreit mit auslöste, hatte danach Änderungen in seinem Konzept angekündigt.

Mattheuer und Ebersbach sind auch die zentralen Figuren der Ausstellung im Erfurter Angermuseum. Nicht zufällig verweist schon der Titel "Kunst aus der DDR" auf den Streiflichtcharakter der eigenen Zusammenstellung, während sich der Weimarer Kurator Achim Preiß anmaßte, die DDR-Kunst (eine schlechte Kunst nach Preiß) zeigen zu wollen. Mit "guter Kunst" antwortet nun Jörg Rothamel, bewußt nicht verschweigend, daß im Fundus des Hauses auch noch anderes lagert. Mattheuer und besonders der rauschhaft die Farben verspritzende Ebersbach stehen für eine mutige Ankaufspolitik des Museums in Zeiten, in denen oft genug der staatlich verordnete "Sozialistische Realismus" die Sammlungspolitik bestimmte.

Sehr umfangreich ist die Ausstellung denn auch nicht geworden. Zwei Räume umfaßt sie gerade, doch die sind eine Wohltat im Vergleich mit der Aneinanderreihung auf grauer Plastefolie im Weimarer Gauforum. Jedes der zwanzig Werke erhält seinen gebührenden Platz. Auch Werner Tübke fehlt hier nicht: Sein 1968 gemalter und 1970 vom Angermuseum angekaufter "Strand" ist ein Gesellschaftspanorama in Endzeit- und zugleich Aufbruch-Stimmung.

Bernhard Heisigs "Vorbereitung des kleinen Katastrophenfilms" von 1986 fällt dabei ebenso aus dem Rahmen wie Hartwig Ebersbachs "Kaspar auf dem Tableau I und II". Die ausgepreßten Farbtuben hat Ebersbach gleich mit in die noch nicht angetrockneten Schichten gedrückt. "Künstler" und "EVP" ist darauf heute noch zu lesen. Grün und Blau genügen dagegen Wolfgang Mattheuer, der seinem abschüssig-flächigen "Grünen Feld" von 1977 einen kleinteiligen Himmel gegenüberstellt, der das Grün vereinzelt aufnimmt. Stefan Plenkers "Rummelzelt" (1983) korrespondiert mit Wilhelm Lachnits "Im Zirkus" von 1954, dem frühesten Bild der Ausstellung. Der 1973 entstandenen "Familie am Strand" von Hans Vent steht schließlich Otto Niemeyer-Holsteins "Tote Möwe am Strand" von 1957 gegenüber - nackte Mutter, ein verschlossener Vater und ein verwesender Vogel im Bindfaden-Regen. Nach Fertigstellung einer neuen Galerie im Jahr 2003 sollen auch die meisten anderen Vertreter der Berliner, Leipziger und Dresdener Malerschule wie Harald Metzkes, Rolf Lindemann, Günter Richter, Johannes Heisig, Monika Hellmuth-Claus, Sighard Gille und Heinz Zander dauerhaft gezeigt werden.Angermuseum Erfurt, bis 26.September

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