Kultur : Nach dem Streit

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Gregor Dotzauer über die Neuordnung des Suhrkamp Verlags

Am Ende war es eine Flucht nach vorn. Vorgestern Abend bestätigte der Suhrkamp Verlag, wie der Tagesspiegel in seiner gestrigen Hauptausgabe meldete, dass die Geschäftsführung des Frankfurter Hauses auf vier Personen erweitert wird. An die Stelle des bisherigen Verlagsleiters Günter Berg rückt Ulla UnseldBerkéwicz, die Witwe des verstorbenen Verlegers Siegfried Unseld. Berg ist künftig ihr Vertreter. Philipp Roeder, der Geschäftsführer der Tochterverlage Insel, Jüdischer Verlag und Deutscher Klassiker Verlag bleibt im Amt. Neu hinzu kommt der bisherige Suhrkamp-Programmleiter Rainer Weiss, ein Vertrauter von Berkéwicz, die als bisher stille Mehrheitseignerin und Vorsitzende der „Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung“ das Unternehmen nach ihren Vorstellungen ordnen kann.

Schon Ende letzter Woche hatten Tagesspiegel und „Süddeutsche Zeitung“ auf den Machtkampf in Deutschlands angesehenstem Verlag aufmerksam gemacht – mit Sorge um dessen intellektuelles Erbe. Auch wenn es keinen Grund gibt, dramatische Richtungsveränderungen zu befürchten, unterliegt die Neustrukturierung eines Unternehmens, das an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirkt, doch anderen Transparenzmaßstäben als die einer Brauerei oder einer Turnschuhfabrik. Auch der Ton, mit dem ein solches Haus regiert wird, ist Gegenstand öffentlichen Interesses: Das Recht auf freien Umgang mit privatem Eigentum wird davon nicht berührt. Die zeitgemäße Antwort auf Unselds jahrzehntelanges Patriarchat kann allerdings weder ein striktes Matriarchat sein noch die kultische Beschwörung nur einer großen Vergangenheit. Das Ideal einer kommunikativen Vernunft, wie sie Jürgen Habermas vorschwebt, dem prominentesten Mitglied im Stiftungsrat des Verlages, hat hier noch mehr Gewicht als anderswo.

Konkret geht es darum, die geistige Vielfalt eines Verlagsprogramms, das sich bis in die wüstesten postmodernen und popästhetischen Verästelungen erstreckt, mit einer offenen Arbeitsatmosphäre zu versöhnen, die über den in der Frankfurter Lindenstraße immer noch spürbaren steifen Sechziger- und Siebzigerjahre-Habitus hinausgeht. Zur Bewahrung des Unseldschen Erbes gehört deshalb in gewissem Sinn auch dessen Überwindung.

Das alles liegt nicht in der Hand einer einzelnen Person, und Ulla Berkéwicz als neue Chefin ist vermutlich weder willens noch in der Lage, in jede administrative Entscheidung hineinzuwirken. Aber als Ermöglicherin mit symbolischem und realem Kapital kann man ihre Rolle gar nicht überschätzen.

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