Kultur : Nach dem Terror: Da schweigen die Experten

Andrei S. Markovits

Albert Speer über Adolf Hitler am 18. 11. 1947: "Ich erinnere mich, wie er sich in der Reichskanzlei Filme vom brennenden London, vom Feuermeer über Warschau, von explodierenden Geleitzügen vorführen ließ und welche Gier ihn dann jedesmal erfasste. Nie aber habe ich ihn so außer sich gesehen wie gegen Ende des Krieges, als er wie in einem Delirium sich und uns den Untergang New Yorks in Flammenstürmen ausmalte. Er beschrieb, wie sich die Wolkenkratzer in riesige, brennende Fackeln verwandelten, wie sie durcheinander stürzten, wie der Widerschein der berstenden Stadt am dunklen Himmel stand, und meinte, wie aus einer Ekstase zurückfindend, Saur solle den Entwurf Messerschmidts für einen vierstrahligen Fernbomber sofort in die Wirklichkeit umsetzen. Mit seiner Reichweite könnten wir in Amerika tausendfache Vergeltung für den Untergang unserer Städte üben ..." (Albert Speer, Spandauer Tagebücher, 2. Auflage Berlin 1993, S. 126/127).

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Nun ist Hitlers Wunschtraum, zwar ein halbes Jahrhundert verspätet, doch noch - zumindest teilweise - in Erfüllung gegangen. Diese Passage ging mir als erste durch den Kopf, als ich am Morgen des 11. September die Schreckensszenen aus New York und etwas später auch aus Washington und dem westlichen Pennsylvania auf dem Fernsehschirm mit ansehen musste.

Für mich war klar, dass es - im Falle New Yorks und des World Trade Centers im Besonderen - eindeutige und stringente Verbindungen gab zwischen Hitlers Wunschvorstellung und dem wichtigsten Motiv der mutmaßlichen Täter. Denn selbst wenn es sich nicht um fanatische Selbstmordbomber aus der arabischen Welt gehandelt hätte, wie es sich manche Deutsche bis zum unwiderlegbaren Beweis wünschten, sondern "nur" um einheimische Rechtsradikale à la Timothy McVeigh, wären auch bei diesen die Motive sehr ähnliche gewesen. Das haben uns ihre mörderischen Attentate in Oklahoma City und anderswo gezeigt. Es geht um die Zerstörung eines verjudeten Amerikas, für das New York City das Beispiel schlechthin ist: das verhasste Zentrum des Weltkapitalismus und des globalen Finanzwesens, allen voran die "jüdische" Wall Street.

Mit der Zerstörung New Yorks und Washingtons hätte man dem ZOG (Zionist Occupied Government), der "von Zionisten besetzten Regierung", wie einschlägige rechtsradikale Kreise hierzulande die Administration und ihre Institutionen nennen, eine willkommene Niederlage beschert. Dass diese "faith based terrorists" (um Tony Judts zutreffenden Ausdruck zu verwenden) der amerikanischen Rechten sehr viel mit dem Weltbild Hitlers und dem der arabischen Extremisten zu tun haben, wurde kaum erwähnt - jedenfalls nicht in Amerika und, soweit ich das bei meinen sporadischen Einblicken in die deutschen Medien mitbekommen habe, auch nicht in der Bundesrepublik.

Die Mehrheit der Islamwissenschaftler, die in den USA wie in Deutschland jetzt zu Recht als Experten von den Medien herangezogen werden, um der Öffentlichkeit irgendeine Erklärung für diese Schandtat zu geben, betonen immer wieder, was für eine friedliebende und tolerante Religion der Islam sei. Wird nachgefragt, wie die Terroristen und ihr Milieu dann ihre Taten mit dem Islam rechtfertigen können, ist meistens eine Kombination von zwei Faktoren zu hören: Erstens handele es sich um eine Perversion des Islam in einer verschwindend kleinen Gruppe, die sowohl für den Islam als auch für die arabische Welt völlig unrepräsentativ sei. Zweitens müsse man den politischen Hintergrund der Tat doch analytisch nachvollziehen, auch wenn dieser Gewaltakt selbstverständlich normativ zu verurteilen sei: Der Terror und der Jubel in vielen Ländern der islamischen und arabischen Welt darüber seien die Reaktion auf die verfehlte Politik des Westens (allen voran der USA), auf die Globalisierung und die allgemeine Benachteiligung der armen südlichen Länder gegenüber dem reichen Norden.

Nun bin ich kein Islam-Experte. Aber ich habe mich mit dieser Religion in meiner Studentenzeit an der Columbia University und durch mein allgemeines Interesse an Geschichte, unter anderem auch der des Osmanischen Reiches, hinreichend kundig gemacht, um die Meinung der Islam-Wissenschaftler nachzuvollziehen, dass der Islam "an sich" große Räume der Toleranz bietet. Und dass er in seiner Praxis, zumindest historisch gesehen, anderen Religionen mit Staatsmacht, wie etwa dem Christentum in all seinen Versionen um vieles voraus war. (Das Judentum schließe ich hier aus, weil es zwischen den Jahren 70 unserer Zeitrechnung bis 1948 keine Staatsmacht besaß; dies ist ja nach der Ansicht solch brillanter Köpfe wie Michael Walzer einer der Hauptgründe, warum der Staat Israel solche Fehler in seiner gegenwärtigen Politik begeht.)

Der ganze Erklärungsansatz zum Verhältnis von Islam und Terror greift viel zu kurz. Er gleicht einer Analyse des Christentums ohne Kreuzzüge, ohne Pogrome, ohne Glaubenskriege - also der Beschreibung eines idealen Urzustandes, den es im real existierenden Christentum lange nicht gab. Es gibt ihn aber zumindest annäherungsweise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, seit den Reformen unter Papst Johannes XXIII. sehr wohl im Katholizismus und auch in den meisten anderen christlichen Religionen, bis auf wenige Ausnahmen. Keiner der Islam-Experten, die ich seit dem 11. September in Amerika gehört oder deren Äußerungen in Deutschland ich gelesen habe - eingeschlossen das, was mir viele deutsche Freunde berichten - hat den Judenhass erwähnt, der weit über die Aversion gegen Israel hinaus reicht und im modernen Islam, besonders dem arabischen, verbreitet ist.

Hetztiraden in Moscheen

Kein Wort von der Hitlerliebe des Muftis von Jerusalem; kein Wort, dass Nazi-Schergen wie Alois Brunner bis heute politisches Asyl in der arabischen Welt (in diesem Fall Syrien) genießen; kein Wort, dass Gamal Abdel Nasser deutsche Raketenbauer anstellte, um Israel zu vernichten; kein Wort, dass die arabischen Länder zu den größten Herstellern antisemitischer Literatur avanciert sind; kein Wort, dass seit Jahren "Stürmer"-ähnliche Karikaturen über Juden in etablierten arabischen Zeitungen wie der Kairoer "Al Ahram" gang und gäbe sind; kein Wort, dass die Predigten in vielen Moscheen in den letzten Jahren zu mörderischen anti-jüdischen Hetztiraden degradiert sind; kein Wort, dass bei der Antirassismus-Konferenz der UN in Durban die alte antisemitische Fälschung des zaristischen Geheimdienstes "Die Protokolle der Weisen von Zion" offen dem anwesenden Publikum angeboten wurde - und das laut glaubhaften Berichten mit Erfolg. Darüber wird vornehm geschwiegen.

So wird die Hauptschuld für diesen mörderischen Angriff auf New York und Washington D.C. letztendlich der verfehlten Welt- und Entwicklungspolitik der USA zugeschrieben. Wenn dies so wäre, dann muss man erklären, warum die Attentäter nicht aus armen Ländern wie Indien oder Nigeria kamen. Oder, was die Islam-Experten auch nicht erklären, warum nicht aus islamischen Ländern wie Bangladesh, Indonesien (das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt) oder Malaysia.

Warum wird fast nirgends der wichtige Erklärungsfaktor erwähnt, auf den der zweifache Pulitzer-Preisträger und New-York-Times-Journalist Thomas Friedman hingewiesen hat, der zwar kein Islam-Wissenschaftler ist, aber ein hervorragender Kenner des Nahen Ostens: In keinem einzigen arabischen Land gibt es auch nur annähernd eine demokratische Regierung. Die arabische Welt en bloc (wohlgemerkt: nicht die muslimische) ist die undemokratischste Region dieser Erde - mit noch weniger Demokratieansätzen als in Schwarzafrika.

Die deutsche Reaktion auf die Katastrophe war wirklich beeindruckend - einerseits. Kein anderer Staatsmann, vielleicht mit Ausnahme Tony Blairs, hielt eine so bewegende und mit den Opfern solidarische Rede wie Gerhard Schröder. Die vielen - oft auch spontanen - Aktionen landauf und landab, wie zum Beispiel die fünf-minütige bundesweite Arbeitsniederlegung auf Grund einer gemeinsamen Vereinbarung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern und die große Demonstration in Berlin am vorigen Freitag sind in Amerika dankbar aufgenommen worden. Ich möchte mich auch für die vielen E-mails der Anteilnahme und Besorgnis von deutschen Kolleginnen und Kollegen bedanken. So ging es vielen in den USA.

Andererseits verrieten mir regelmäßige Blicke ins Internet nach dem 11. September, dass unter diesem offiziell solidarischen und mitfühlenden Deutschland ein ganz anderes Deutschland floriert. Dafür muss man nicht die Web-Seite von Horst Mahler besuchen. Dafür genügen die Meinungs- und Feuilleton-Seiten einiger Tageszeitungen, von der "taz" bis zur "FAZ". Dort waren Artikel der verschiedensten Autoren mit folgender mehr oder weniger verhüllten Meinung zu lesen: Die eigentlichen Urheber sitzen in Amerika - wegen der verfehlten Weltpolitik der USA; und insofern gehören dazu auch die amerikanischen Opfer selbst durch ihre Existenz als Amerikaner. Jetzt komme es vor allem darauf an, die rachsüchtigen Amerikaner, die "alttestamentarisch" (sprich: jüdisch) denken, von ihrem Vergeltungsschlag abzuhalten. Und das müssten die Europäer und speziell die Deutschen mit der ihnen eigenen christlichen Nächstenliebe leisten. Das las sich sozusagen wie eine lange überfällige Rückzahlung für Dresden und Hiroschima. Und zwischen den Zeilen konnte man mitunter auch noch den Verdacht finden, dass diese Schandtat womöglich eine selbst inszenierte Katastrophe war, oder zumindest durch mangelnde Aufklärung mit verschuldet wie Pearl Harbor.

Und sehr bald wurde leider auch wieder ersichtlich, wie sehr sich die deutsche Linke und die deutsche Rechte ideologisch und normativ ähneln, wenn es um Amerika und - natürlich indirekt - um Juden geht. Für die Rechte ist Amerika so sehr verhasst, dass sie sogar ihren ansonsten nie verheimlichten Rassismus Arabern und Muslimen (in Deutschland meistens Türken) gegenüber in den Hintergrund stellte, um auf die Amerikaner und natürlich die Juden loszuschlagen.

Natan Sznaider hat natürlich Recht, wenn er sagt, dass der Antiamerikanismus schon immer die vornehmere Form des Antisemitismus in Deutschland und Europa war. Für viele nicht nur an den extremen Rändern des politischen Spektrums angesiedelte Deutsche ist der Gedanke schlicht illegitim und unakzeptabel, dass Amerikaner auch Opfer sein können.

Aber es geht ja noch um etwas ganz anderes: Der Angriff und Hass auf Amerika eines Adolf Hitler, der Terrroristen, der amerikanischen Rechten à la McVeigh, der deutschen Linken wie auch der deutschen Rechten entstehen nicht allein, weil Amerika - besonders New York - die Hauptstadt des globalen Kapitalismus ist. Die Aversion kommt auch daher, dass die Vereinigten Staaten - wiederum insbesondere New York - das größte Experiment einer real existierenden multikulturellen Gesellschaft darstellen. Und die lehnt jeder der von mir genannten Feinde der USA aus jeweils eigenen Gründen scharf ab.

Im World Trade Center starben Bürger von 62 Staaten und US-Amerikaner jeder erdenklichen Religion, Ethnie und Hautfarbe. Dies wäre andernorts undenkbar. In New York, wie auch in Los Angeles, ist ein solcher Multikulturalismus in den letzten zehn bis 15 Jahren zum Alltag geworden. Der potenzielle Erfolg beim Zustandekommen einer wahrlich multikulturellen Gesellschaft ist für die Feinde der USA mindestens ein so rotes Tuch wie Amerikas Führerschaft im Kapitalismus.

In den Vereinigten Staaten selbst kann man einige wichtige Entwicklungen beobachten, die zumindest in meinen Augen äußerst positiv sind. Zuallererst ist es auffällig, wie sehr - sofort nach einigen vereinzelten rassistischen Ausschreitungen gegen arabische (oder arabisch aussehende) Bürger - alle verantwortlichen Instanzen diese Taten mit den schärfsten Worten verurteilten. Ob dies nun Universitätspräsidenten taten oder die lokalen und nationalen Medien - überall hört und liest man andauernd, dass alle arabischen Bürger der Vereinigten Staaten volle Amerikaner sind, die mit dieser Schandtat nichts zu tun haben, ja sogar unter ihr vielleicht mehr leiden als andere Amerikaner.

Ich lebe in der Detroiter Gegend, wo es die größte Konzentration arabischer Bürger im Lande gibt. Hier wird diese Haltung tagtäglich in allen nur erdenklichen Foren verkündet. Ich habe in einem früheren Essay im Tagesspiegel die große zivilisatorische Bedeutung von "political correctness" mit einem Beispiel untermauert, in dem ich Präsident Bushs Besuch in einer schwarzen Gemeinde am Geburtstag Martin Luther Kings lobte. In diesem Kontext muss auch die Integration eines Imams in der National Cathedral zu Washington bei der Feier für die Opfer des Terroranschlages im Beisein der gesamten politischen Elite des Landes (darunter alle lebenden Ex-Präsidenten außer Ronald Reagan) gesehen werden.

Coming out der US-Araber

Ich würde so weit gehen, zu sagen: Die Katastrophe und diese Reaktionen darauf signalisieren den längst überfälligen Beginn des sozialen und politischen "coming out" unserer arabischen Bürger in die amerikanische Öffentlichkeit. Ich kannte bereits einige Reformsynagogen in linken Universitätsstädten, die zu den hohen jüdischen Feiertagen regelmäßig Geistliche anderer Religionen - auch des Islam - einluden. Aber dass dies zum eben abgeschlossenen Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, in vielen "normalen" jüdischen Synagogen praktiziert wurde, ist schon beeindruckend. Plötzlich merken viele anti-etatistische Amerikaner, allen voran Republikaner wie George W. Bush, dass man den Staat nicht nur nolens volens dulden muss, sondern ihn sogar bitter benötigt und ihn unterstützen soll.

Nur der Bundesstaat kann die darbenden und durch diese Katastrophe noch stärker geschädigten Luftfahrtgesellschaften über Wasser halten. Und nur der Bund kann der immer schwächer werdenden Wirtschaft kurzfristig unter die Arme greifen, genau wie nur er es sein kann, der endlich auch in den USA - wie in den meisten europäischen Ländern - qualifiziertes und gut bezahltes Sicherheitspersonal in allen Flughäfen des Landes anstellen sollte und nicht die derzeitigen, völlig unqualifizierten Arbeitskräfte, die noch schlechter als billige McJobs entlohnt werden und daher ständig rotieren.

Auch außenpolitisch gibt es interessante Entwicklungen. Ich persönlich hoffe sehr, dass es zu keinem unüberlegten Luftangriff der USA gegen Afghanistan kommen wird, dem nur unschuldige Menschen zum Opfer fielen, keineswegs aber die Mitglieder von Osama bin Ladens Al Qaida, geschweige denn er selbst. Die Taliban würden durch Bombenangriffe kaum geschwächt. Ich hoffe, dass es stattdessen zu einer wirklich innovativ koordinierten weltweiten Kampagne gegen den Terrorismus kommt, bei der Militäraktionen nur eine von vielen sind.

Interessant und weiterer Beobachtung wert sind darüber hinaus politische Entwicklungen, wie zum Beispiel die Allianz zwischen den zwei bevölkerungsreichsten Demokratien der Welt: Indien und den USA. Sie hat bereits vor dem Terroristenanschlag begonnen. Zudem gibt es eine wichtige Annäherung zwischen Amerika und dem Iran. Schließlich könnte es vielleicht doch noch zu einer Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern durch diese Katharsis kommen. Niemand kann die langzeitigen internationalen Entwicklungen dieses epochalen Ereignisses voraussehen. Nur eines ist sicher: Der 11. September 2001 wird als ein Tag in die Geschichte eingehen, der die Vereinigten Staaten völlig verändert hat.

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